Internationales Projekt

Freie Wüstenkunst in Saudi-Arabien

Martin Gehlen

Von Martin Gehlen

Mi, 12. Februar 2020 um 20:15 Uhr

Kunst

Das Open-Air-Projekt Desert X ist eine Premiere für Saudi Arabien: Erstmals werden Kunstprojekte unter freiem Himmel ohne staatliche Kontrolle gezeigt. Kritiker halten das für ein Feigenblatt.

Lita Albuquerque breitet ihre Arme aus. "Das ist noch eine richtige Wüste hier." Zwei Wochen lang hat die in Tunesien aufgewachsene amerikanische Künstlerin im saudischen Alula an ihrer Installation gearbeitet. 99 tiefblaue Kreise platzierte die 73-Jährige als Sternenhimmel in den Wüstensand des Wadis, das seit 2008 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Hoch oben auf einem Felsen steht eine blaue Frauenfigur, eine Astronautin aus der Weite des Alls, die der Menschheit vom Universum erzählen soll. Albuquerque war noch nie zuvor in Saudi-Arabien, sie gehört zu den Gründungsmitgliedern von Desert X, einer Künstlerbewegung in Kalifornien, die bisher die Wüstenlandschaft des Coachella Valleys zur Bühne für zeitgenössische Installationen machte. Beim Start 2017 kamen 200 000 Besucher, 2019 waren es bereits 400 000. Alle zwei Jahre soll Desert X stattfinden, das nächste Mal 2021.

Doch 2020 legt Desert X eine spektakuläre Zwischenetappe ein: Erstmals wandert das Land Art Projekt ins Ausland – eben nach Alula in Saudi-Arabien, wo die Nabatäerstadt Hegra liegt, auch als Madain Salih bekannt, die Zwillingsschwester des berühmten Petra in Jordanien. Verglichen mit den spektakulären Sandsteinformationen von Alula, sagt Albuquerque, sei die Wüste Südkaliforniens mit ihren vielen Städtchen "schon ziemlich künstlich und manikürt".

Saudische Künstlerinnen suchen die internationale Bühne

Für Saudi-Arabien ist das vor zwei Wochen eröffnete Projekt eine Premiere. Noch nie zuvor war es Künstlern in dem Königreich möglich, moderne Skulpturen und Installationen ohne staatliche Bevormundung in offener Landschaft einem internationalen Publikum zu präsentieren. Bis 7. März läuft Desert X Alula, dann verschwinden die 14 Installationen wieder.

Im hinteren Teil des Alula-Tales, das durch hoch aufragende, windzerzauste Felsenformationen gerahmt wird, verlaufen Bündel schwarzer Rohre wie Adern durch Sand und Geröll, bevor sie an den Wänden hochklettern und in Felsspalten verschwinden. "The Lost Path", "Der verlorene Weg" hat Muhannad Shono seine Installation genannt, der vor einem Jahr Stipendiat im Berliner Künstlerhaus Bethanien war. Der Weg ist das Entscheidende, sagt der 42-Jährige. Seine Linien fügen sich in die Landschaft ein, passen sich an die gegebenen Formen an. "Ich will Leute motivieren, sich auf eine Reise zu begeben, einen Weg in die Einsamkeit und Stille zu suchen", sagt er.

Alle Installationen sollen sich auseinandersetzen mit der Wüste als Lebensraum und Quelle der Inspiration, erläutert der künstlerische Leiter Neville Wakefield. "Sie ist ein Ort der Knappheit, ein Ort starker Kontraste, des Kampfes ums Überleben, ein Ort von Geheimnis und Transformation." Aber gerade diese Unwirtlichkeit mache den unfruchtbaren Ort Wüste fruchtbar für neue Formen.

Das Alula-Projekt ist Wakefield zufolge erstmals angelegt als kultureller Dialog. Ein Drittel der Teilnehmer sind saudische Künstler, ein Drittel stammt aus den ersten US-Desert-X-Auflagen, der Rest sind Künstler aus anderen arabischen Staaten wie den Emiraten, Ägypten und Libanon. "Die saudische Kunstszene ist inzwischen sehr kräftig, vor allem die der Frauen", sagt er. "Sie wollen auf die internationale Bühne und nicht länger isoliert sein, jetzt, da Saudi-Arabien seine Tore öffnet."

6000 Kisten für das Unesco-Weltkulturerbe

Eine der erfolgreichsten Künstlerinnen des Landes ist Zarah Al-Ghamdi. Die 32-Jährige gestaltete bei der letzten Biennale in Venedig den saudischen Pavillon, den das Königreich kürzlich auf Dauer erworben hat. In Alula formte sie aus 6000 Metallkisten, in denen Datteln verpackt werden, eine Form, die sie "Einblicke in die Vergangenheit" nennt und die sich wie ein Fluss durch die Landschaft schlängelt. 3000 Kisten sind gefüllt mit Sand in acht verschiedenen Farben, in 3000 weitere hat die Künstlerin Spiegel gelegt.

Die Oase Alula ist berühmt für Datteln und Wasser, einst war sie Rastplatz für Karawanen. Die Sandtöne in den Kisten symbolisieren die Kulturen der Region im Lauf der Jahrtausende. Hier kreuzten sich Handelsrouten. "Ich will, dass die normalen Leute verstehen, was für ein Reichtum ihre Geschichte birgt und dieses Erbe nicht einfach wegwerfen."

Ist Alula ein PR-Feigenblatt für den Kronprinzen?

Alula war der erste von bisher fünf bei der Unesco registrierten Kulturschätzen aus der Heimat des Propheten Mohammed. So stolz die saudischen Organisatoren des neu geschaffenen Kulturministeriums über die Kooperation sind, so laut krachte es auf der amerikanischen Seite zwischen den Desert-X-Gründern. Drei der 14 Kuratoriumsmitglieder traten zurück, ein Sponsor kündigte. Denn die Entscheidung für Alula wurde ausgerechnet im Oktober 2019 bekannt gegeben – dem ersten Jahrestag des saudischen Staatsmord an dem Journalisten Jamal Khashoggi, der das Reformer-Image des Kronprinzen Mohammed bin Salman verdüstert.

Desert-X-Gründerin Susan Davis verteidigt die Kooperation als Möglichkeit, einen neuen Dialog zu eröffnen, der Einschränkungen und Grenzen überwindet. Eine Rolle gespielt haben dürfte auch die opulente finanzielle Unterstützung durch die "Royal Commission for Alula", die dem Kronprinzen direkt untersteht und mit der er sein internationales Image wieder aufpolieren will. Zudem braucht das Königreich dringend Touristenattraktionen, seit es im September erstmals in seiner Geschichte Besuchervisa innerhalb von 24 Stunden per Internet ausstellt.

"Kritiker in den USA drohten, ich würde meine Karriere ruinieren, wenn ich in Saudi-Arabien mitmache", berichtet die Schöpferin der blauen Astronautin, Lita Albuquerque. Drei Tage habe sie mit sich gerungen, dann entschieden mitzumachen. Trotzdem fahre sie mit einem unguten Gefühl nach Kalifornien zurück. "Meine Mutter ist Tunesierin, darum habe ich ein Gefühl dafür, welche Klischees im Westen über Arabien existieren." Saudi-Arabien durchlaufe eine historische Umwälzung, ist sie sicher. "Kunst ist ein revolutionäres Werkzeug, und ich will mit dabei sein."

Weitere Infos unter http://www.desertx.org/alula