Freigeschwommen

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Von dpa

Do, 08. Juli 2021

Schwimmsport

Wie Schwimmerin Yusra Mardini vom Flüchtling zum Popstar wird / Darf sie in Tokio sogar die IOC-Flagge tragen?.

Die Blitze zucken wie bei einem Sommergewitter, ein grelles Stakkato, der Fotograf kommt ganz schön ins Schwitzen, er muss sich beim Shooting sputen. Doch zum Glück macht die junge Frau im schwarzen Outfit perfekt mit. Wenn sie lacht, sieht man ihre winzige Zahnlücke. Und sie lacht oft, manchmal klingt es wie ein Glucksen, wie ein Juchzer, es wirkt ansteckend, herzerfrischend. Ja, Yusra Mardini weiß, wie man posiert. Schon oft stand sie in den vergangenen Jahren im Rampenlicht. Dabei ist sie gar kein Model. Und die Fotoserie wird kein Hochglanzmagazin schmücken.

Doch den Interviewtermin in Hamburg-Barmbek meistert die 23-Jährige souverän wie ihren Alltag in der Hansestadt und das Schwimmtraining im Olympia-Stützpunkt. Sie kennt sich inzwischen aus mit den Medien. Zur ersten Pressekonferenz ihres Lebens kommen am 18. März 2016 in Berlin 114 Neugierige, mit Notizblöcken, Kameras, Mikrofonen. Fünf Jahre später steht Mardini schon zum zweiten Mal im IOC Refugee Olympic Team, im Flüchtlingsteam des Internationalen Olympischen Komitees. Unter 55 Kandidaten wurden diesmal 29 Athletinnen und Athleten ausgewählt. Und wer weiß: Vielleicht darf sie ja am 23. Juli in Tokio sogar die weiße IOC-Flagge mit den fünf olympischen Ringen ins Stadion tragen.

"Das ist einer meiner größten Träume! Ich würde richtig, richtig stolz sein", sagt Yusra Mardini in einem Gespräch in Hamburg, wo sie seit Sommer 2018 bei Veith Sieber trainiert und sich auf Tokio vorbereitet. "Ich glaube, meine Mutter würde heulen. Und mein Vater wäre richtig stolz." Ihren zweiten Olympia-Start kann Mardini kaum erwarten, vielleicht denkt sie beim Vorlauf über 100 Meter Schmetterling noch einmal an jenen 8. Juni, als sie von ihrer Nominierung erfährt. "Ich hab’ geheult die ganze Zeit, weil es so emotional für mich war. Wenn ich ehrlich bin: Das war viel emotionaler als in Rio", sagt Mardini.

"Ich kann nicht glauben, dass ich in Rio dabei war, und jetzt kann ich nicht glauben, dass ich nach Tokio gehe", sagt sie. "Aber das ist kein Glück, denn ich habe mit dem Sport angefangen, als ich drei Jahre alt war. Ich habe so hart gearbeitet. In Syrien musst du immer kämpfen für deinen Sport – sogar um deine Schwimmbahn."

Das muss sie längst nicht mehr. Mardini und die Gruppe von Veith Sieber sind gerade aus dem Trainingscamp in Teneriffa zurück, am 11. Juli fliegen sie nach Doha, dort wird das Flüchtlingsteam auf Tokio vorbereitet. Am 15. Juli startet die Delegation nach Japan. Sieber trainiert Mardini seit fast drei Jahren, der 41-Jährige bescheinigt ihr "große Entwicklungsschritte. Wir haben an vielen Stellschrauben gedreht", sagt der Coach, der an seiner syrischen Schülerin die extrem positive Art schätzt, die sie trotz ihrer Vorgeschichte ausstrahle. "Wie sie ihr Leben managt, das finde ich unglaublich", meint der Schleswig-Holsteiner.

Man dürfe in Tokio keine Wunder erwarten, sagt Sieber mit Blick auf den 24. Juli, wenn Yusra Mardini zum Vorlauf über 100 Meter Delfin startet. Auf dieser Strecke hat sich Mardini in knapp fünf Jahren um fünf Sekunden verbessert. Auch dank Sieber. Vier Worte sagen viel, wenn nicht alles: "Wir wollen Bestzeit schwimmen." Wir.

In Syrien erlebt Yusra Mardini die Schrecken des Krieges, Bomben fallen, Menschen sterben, Freunde leiden. Weil sie keine Zukunft sieht, flüchtet sie im August 2015 nach Deutschland, landet nach einer Odyssee durch acht Länder in Berlin. Ihre Flucht über das Meer ist dramatisch, alle im überfüllten Schlauchboot hätten sterben können. Denn als der kleine Außenborder stotternd den Geist aufgibt, droht das graue Ungetüm zu kentern. Yusra und Sara springen ins kalte Wasser, drehen, ziehen, zerren und steuern das Boot gen griechische Küste. Völlig entkräftet landen sie dreieinhalb Stunden später auf der Insel Lesbos. Die Schwestern retten 18 Menschen das Leben. Bei der "Bambi"-Gala werden sie 2016 in der Kategorie "Stille Helden" geehrt.

Vater Ezzat und Mutter Mervat müssen mit der jüngsten Tochter zu Hause in Syrien bleiben. Die Eltern zittern um Sara und Yusra, doch schon zu Weihnachten kommen sie mit Nesthäkchen Shehad nach – auch über das Meer, Lesbos und die Balkanroute. Im Sommer 2016 geschieht dann ein kleines Wunder – und für Yusra Mardini geht ein Kindheitstraum in Erfüllung: Olympia! Mit 18 gehört die Schwimmerin in Rio de Janeiro zum kleinen Flüchtlingsteam des IOC. Sie trifft Papst Franziskus, den damaligen US-Präsidenten Barack Obama, Jordaniens Königin Rania. Heute ist das Mädchen aus Damaskus ein kleiner Star, eine Weltbürgerin, gereift und geerdet. Auch ein Medienprofi. Vor Tokio nimmt die Zahl der Anfragen wieder zu: "Time"-Magazin, Globo TV (Brasilien), Japans Nachrichtenagentur Kyodo wollen Interviews.

Die frühen Jahre in Damaskus bis zur Ankunft in Berlin und dem Olympia-Start 2016 in Rio de Janeiro hat Yusra Mardini in einem Buch geschildert und so wohl auch verarbeitet: "Butterfly – das Mädchen, das ein Flüchtlingsboot rettete und Olympia-Schwimmerin wurde".

Nun wird das Drama sogar verfilmt: "The Swimmers" ("Die Schwimmerinnen") soll im nächsten Jahr in die Kinos kommen, es ist die Geschichte von Yusra und ihrer drei Jahre älteren Schwester Sara. Die gemeinsame Flucht hat sie unzertrennlich gemacht. "Die Handlung beginnt bei meiner Geburt und endet in Rio", berichtet Yusra. Im Spielfilm wird ihr erster Trainer Sven Spannekrebs von einem bekannten und gefragten deutschen Schauspieler verkörpert. "Die Rolle spielt Matthias Schweighöfer. Jaaa! Genau!" Yusra jubelt.

Der Wechsel von den Wasserfreunden Spandau im Sommer 2018 nach Hamburg, von Spannekrebs zu Sieber, hat rein sportliche Gründe. Gerührt und dankbar denkt Mardini an jene Zeit zurück, als sie in Berlin Fuß fasst, Deutsch lernt und ein neues Leben beginnt. Ihre dunklen Augen glänzen, wenn sie von ihrer "Familie bei den Wasserfreunden" spricht – und immer wieder von Sven, ihrem Trainer, Mentor, Helfer, Trostspender, Freund.

"Meine Familie war immer da, Sven war immer da, mein neues Management ist immer für mich da, meine Teamkollegen auch", erzählt sie bewegt. "Hilfe brauchte sie vor allem bei den ganzen Behördengeschichten", erzählt Spannekrebs.

Mit Yusra sei er durch Dick und Dünn gegangen, sagt der Trainer, und Spannekrebs erinnert sich noch gut an jenen Moment, als aus dem ehrgeizigen Mädchen eine selbstbewusste, auch politisch denkende junge Frau wurde. "Der Übersprung ist bei der großen Pressekonferenz in Rio gewesen, wo Yusra gemerkt hat: Oh mein Gott, die Leute hören mir ja zu. Ich kann ja hier was bewegen, ich kann etwas verändern!" Auch er spürt es: Jetzt hat sie sich freigeschwommen.

140 000 Abonnenten hat Yusra Mardini bei Instagram. Das "People"-Magazin stellt sie neben Königin Rania in eine Reihe mit "25 Frauen, die die Welt verändern". Seit 2017 ist die Sportlerin Sonderbotschafterin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Heute kann sie den Frieden genießen, ihre Freiheit, auch mal die Ruhe. Oft sitzt sie in ihrem Lieblingscafé "Malina" im beschaulichen Barmbek. Die Wohnung teilt sie sich mit ihrer Trainingspartnerin Hannah Küchler, es ist jetzt eine Tokio-WG – denn beide haben das Olympia-Ticket in der Tasche. Gesucht und gefunden, könnte man sagen. "Ich glaube, dass wir uns in unserer Herzlichkeit ähnlich sind und die gleichen Ziele haben. Wir sind Kritik gegenüber sehr offen", sagt Freistil-Spezialistin Küchler. "Wir ticken gleich, liegen auf einer Wellenlänge."

Wasser ist ihr Element, das Meer ihr Trauma

82,4 Millionen Menschen waren Ende 2020 wegen Konflikten, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen weltweit auf der Flucht. Yusra Mardini gibt ihnen ein Gesicht, eine Stimme, so kann sie helfen. Eine eigene Schwimmschule will sie später eröffnen, ein Schauspielstudium anfangen, zwischendurch mal modeln. Wie es nach Tokio weitergeht, lässt sie offen. Aber eins ist klar: "Ich kann ohne den Sport nicht leben." Mit drei Jahren hat sie bei ihrem Vater Schwimmen gelernt, es gab Höhen und Tiefen, auch mal eine Auszeit. Aber immer taucht Yusra Mardini wieder auf – wie nach einer Wende im Becken. Sie sagt: "Man lächelt, man weint, man hasst es, man liebt es – im Sport gibt es alle Emotionen."

Wasser ist ihr Element, das Meer bleibt aber für immer ihr Trauma. Manchmal packen sie Albträume, sie schüttelt sie ab. "Und wenn ich die Augen aufmache, dann weiß ich es. Was auch immer passiert, ich werde aufstehen", schreibt sie trotzig in ihrem bewegenden Buch "Butterfly" und verspricht: "Ich werde weiterschwimmen. Ich werde überleben. Ich werde mich entpuppen und als Schmetterling davonfliegen." Am liebsten übers Wasser.