Ein ziemlich feiner Zug

Liane Schilling

Von Liane Schilling

Mo, 08. April 2019

Friedenweiler

Nach zwei Jahren Vorbereitung feiert das Rötenbacher Musical in der ausverkauften Benedikt-Winterhalder-Halle Premiere.

FRIEDENWEILER-RÖTENBACH. Historische Begebenheiten, soziale und wirtschaftliche Botschaften, die sich im Laufe der Zeit nur wenig veränderten, haben die Akteure des Musicals "Der Zug der Zeit" bei der ausverkauften Premiere am Freitagabend in der Benedikt-Winterhalder-Halle in Rötenbach perfekt in Töne und Szene gesetzt.

Nach zweijähriger Vorbereitung fieberten Mitwirkende und Besucher fast gleichermaßen den Aufführungen des Musicals entgegen, die als großartiges Gemeinschaftswerk mit knapp 200 Mitwirkenden einen Höhepunkt im Festjahr zum 1200-jährigen Bestehen von Rötenbach darstellen. Das Werk wurde geschrieben von Wulf Schmidt, dem pensionierten Gymnasiallehrer, der in seinem Wohnort Rötenbach und der gesamten Region vielfach engagiert ist. Er führte auch Regie prägte die Aufführungen mit seiner Kraft, Ausdrucksstärke und Kreativität.

"Fremde und Heimat

sind unser Leben."

Aus dem Schlusslied
Die passenden Kompositionen schuf der freischaffende Musiker, Komponist und Arrangeur Tobias Schwab, Fabian Müller, Dirigent des Musikvereins Rötenbach, hatte die musikalische Gesamtleitung. Als Chorleiter und teilweise parallel als Sänger waren Helmut Büchele, Martin Fies und Anne Rütten im Einsatz. Choreographin war Helga Schwarz.

Das Stück spielt in der Zeit um 1900, als Aufruhr im Schwarzwald herrschte, weil die großherzogliche Landesregierung den Weiterbau der Eisenbahnstrecke von Neustadt nach Osten verzögerte. Mit dem Demonstrationszug aufgebrachter Bürger und der Übergabe einer Petition des Rötenbacher Bürgermeisters Winterhalder an den badischen Minister beginnt das Spiel.

Die Hörnlegeister, die in "Grüften und Klüften, auf Wipfeln und Gipfeln" in dem Wald wohnen, durch den die Eisenbahntrasse führen soll, erfahren von den Plänen und wollen sich nach Kräften dagegen wehren. In wallenden Gewändern, von Nebel umhüllt, beraten sie sich singend und tanzend, demonstrieren gemeinsam ihre Macht. Empört berichten sie von den Arbeiten in ihrem Revier, sabotieren diese und erwägen in ihrer Verzweiflung sogar ein Menschenopfer. In den Reihen der Bürger ruft die Nachricht vom Eisenbahnbau und dem Einsatz italienischer Spezialisten, die dafür nach Rötenbach kommen sollen, gemischte Reaktionen hervor, die mit authentischen Bühnenbildern auf dem Dorfplatz, historisch gekleideten Einheimischen und dem temperamentvollen Einzug der fremden Arbeiter mit ihrem südländischen Flair eindrucksvoll gespielt und besungen werden. Zwiespalt im Dorf und bei den abendlichen Gelagen in der Wirtschaft ist die Folge. Zwischen der Wirtstochter Anna und dem italienischen Bauingenieur Giorgio entsteht eine innige Beziehung, sie treffen sich heimlich und gestehen sich in ergreifenden Sologesängen ihre Liebe. Positive Gegensätze zeigen sich beim Dorffest durch traditionelle Tänze, den Bändertanz und die Tarantella, präsentiert in den jeweiligen Trachten. Gleich darauf drohen jedoch ein Streit und die nächste Prügelei, als Donnerhall aus der Schlucht, von Schlaginstrumenten wirkungsvoll unterstützt, die Menschen aufschreckt. Der bewusstlose Giorgio wird vor dem Tunnel gefunden, Lebens- und Todesgeister zeigen mit ihrem Tanz, dass sein Leben an der Schwelle ins Jenseits steht. Da sein Herz aber von Liebe erfüllt ist, lebt er weiter.

Anna offenbart die rettende Kraft ihrer Liebe und die Hörnlegeister gestehen ein, dass sie dieses liebende Herz nicht opfern konnten. Nach dem Ende der Bauarbeiten fahren die Italiener, versöhnt mit den Rötenbachern, mit dem Zug zurück in ihre Heimat, die winkende Anna ist dabei. Einige Italiener bleiben im Schwarzwalddorf. "Fremde und Heimat sind unser Leben, beide musst mit Fleiß du verweben. So trotzen wir mutig den Gefahren. Ganz ohne Angst lasst uns weiterfahren im Zug der Zeit", heißt es im Schlusslied.

Mit geheimnisvoll mystischen Klängen kündigte das Orchester die Auftritte der Hörnlegeister an, stimmte klangvoll auf alle Szenen ein, nahm sich zur Begleitung auch zurück und bot einen fulminanten Abschluss.

Mit musikalischem Können und in harmonischem Einklang begeisterten Orchester, Chöre, Solisten und Schauspieler unter der einfühlsamen Gesamtleitung von Fabian Müller, vom Publikum mit stehendem Applaus honoriert. In den Hauptrollen, die jeweils doppelt besetzt sind, traten Birgit Straetker und Jana Kleiser als Anna und Thomas Haag sowie Fabian Kietruschat als Giorgio, Armin Hasenfratz und Guido Disch als Bürgermeister auf.

Alle Aufführungen sind ausverkauft. Alternativ wird die zweite Generalprobe am Freitag, 12. April, als Benefizveranstaltung zugunsten der Lebenshilfe Hochschwarzwald öffentlich gemacht (die Darsteller sind nicht geschminkt). Mitglieder der Lebenshilfe bewirten die Besucher. Einlass ist von 18 Uhr an, Beginn um 19 Uhr.

Weitere Fotos der Premiere unter http://mehr.bz/zugderzeit