Architektur

Gebaute Monotonie: In Deutschlands Neubaugebieten dominieren Quader mit Flachdach

Carsten Hoefer

Von Carsten Hoefer (dpa)

Fr, 25. September 2020 um 09:54 Uhr

Haus & Garten

Neubauviertel sehen oft gleich aus. Besucher erkennen nur an den Nummernschildern der geparkten Autos, ob sie sich in Bayern befinden oder Bremen. Die Wohnungswirtschaft nennt Kosten als Grund.

In ganz Deutschland versprechen Stadtplaner bei Neubauprojekten "attraktive Quartiere" und "innovative Konzepte" – und ebenso einförmig wie die Werbesprüche sind die Ergebnisse. Viele Neubaugebiete gleichen einander so sehr, dass Besucher nur an den Nummernschildern der geparkten Autos erkennen können, ob sie sich in Bayern befinden oder Schleswig-Holstein. Es dominiert der Quader mit Flachdach.

Die Gründe der gebauten Ödnis sind vielfältig, wie Fachleute sagen. Wirtschaftliche Interessen der Bauträger spielen ebenso eine Rolle wie Behörden, Politiker und die dominierende Fraktion der Modernisten unter den Architekten. Ein maßgeblicher Faktor: die Rendite. "Wenn Sie quaderartige Schachteln mit geraden Wänden und Flachdach haben, optimieren Sie die Fläche, Sie haben immer ein paar Quadratmeter mehr Wohnfläche als mit Schrägdach", sagt Sebastian Körber (FDP), Architekt und Vorsitzender des Bauausschusses im Bayerischen Landtag.

Die Kommunen selbst tragen durch ihre Vergabepraxis dazu bei: Bis zum Ersten Weltkrieg wurden Grundstücke in der Regel einzeln oder in Gruppen weniger benachbarter Parzellen abverkauft und bebaut. So erhielt jeder Straßenzug ein individuelles Gesicht.

Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich das: Seither veräußern die Kommunen Baugrund häufig in größeren Einheiten, sodass ein Unternehmen eine Vielzahl gleichförmiger Häuser errichten kann. "Ein Hauptproblem ist, dass die Kommunen den Bauträgern große Gebiete ohne einen städtebaulichen Rahmen überlassen", sagt Christian Siedenburg, Architekt im oberbayerischen Krün und Verfechter des traditionellen Bauens. "Wenn man nicht gegensteuert, bekommt eine Kommune das, was der Bauträger ausrechnet."

Doch sogar Bauträger mit ästhetischem Anspruch sind in einer Kostenspirale gefangen: Da Grundstückspreise und Baukosten dramatisch gestiegen sind, erhöht das den Anreiz, an anderer Stelle zu sparen – bei Schönheit und Qualität. "Seit 1990 hat sich die Zahl der Bauvorschriften auf rund 20 000 vervierfacht", sagt Axel Gedaschko, der Präsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW). "Das treibt die Baukosten in die Höhe und sorgt für einen immer größeren Druck auf Seiten der Bauherren, möglichst effizient zu bauen." Überdies sei der Energieverbrauch umso geringer, je kompakter die Gebäudehülle sei.
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Doch wäre es zu kurz gegriffen, nur Rendite und Vorschriften verantwortlich zu machen. Im 19. Jahrhundert war gebaute Schönheit noch Staatsziel: "Ich will aus München eine Stadt machen, die Deutschland so zu Ehren gereicht, dass niemand sagen kann, er kenne Deutschland, wenn er München nicht gesehen hat", erklärte Bayerns König Ludwig I. (1786 bis 1868). Auch nüchtern bürgerlich regierte Städte wie Hamburg entwickelten ehedem vergleichbaren Ehrgeiz.

Heutige Politiker handeln sich mit jedem größeren Bauprojekt hingegen den Vorwurf der Geldverschwendung ein. Hauptsache kostengünstig – in keinem Wahlprogramm ist die Schönheit der Architektur Thema.

"Verstärkend wirken sich dabei auch architektonische Modetrends aus", sagt GdW-Präsident Gedaschko. Für viele Architekten sind weltweit nach wie vor die vor knapp 100 Jahren formulierten Ideen der architektonischen Moderne grundlegende Glaubenssätze: "Weniger ist mehr", schrieb Mies van der Rohe (1886 bis 1969), ein Gründervater der zeitgenössischen Architektur. Im architektonischen Minimalismus dominieren kubische Formen, Flachdächer, glatte Fassaden, Glas. Dekorative Elemente sind ebenso verpönt wie Satteldächer oder die einst üblichen regionalen Baustile. Den Trend zum einst chronisch undichten Flachdach befördert der technische Fortschritt: "Ziegeldächer werden von vielen Bauherren als altbacken empfunden, seit etwa zehn Jahren sind Flachdächer auch erfahrungsgemäß bauphysikalisch wirklich dicht", sagt der bayerische Bauausschussvorsitzende Körber.

Die Mehrheit der Bürger empfindet Altbauviertel als schön, nicht die in der Nachkriegszeit praktizierte Zeilenbauweise mit Häusern quer zur Straßenrichtung, ganz zu schweigen von Großsiedlungen wie dem Märkischen Viertel in Berlin oder München-Neuperlach.

Dabei würde sich eine Besinnung auf den klassischen Städtebau für Baubranche und Kommunen womöglich sogar finanziell lohnen. Die Technische Universität (TU) Chemnitz ging 2014 der Frage nach, was Hässlichkeit für den Wert einer Immobilie bedeutet. "Avantgardistische Neubauten – insbesondere aber in den 1970er Jahren erbaute Nachkriegsgebäude – werden als deutlich weniger attraktiv wahrgenommen als der klassische Altbau", heißt es in der Zusammenfassung der Chemnitzer Studie. "Es gibt objektive Schönheit, und die Menschen fühlen sich wohler und haben eine höhere Zahlungsbereitschaft."