Max-Weber-Schule

Eine Schulklasse hat Stolpersteine für ein Freiburger Ehepaar organisiert

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 16. Mai 2019 um 12:51 Uhr

Freiburg

Eine 13. Klasse der Max-Weber-Schule trug monatelang Bruchstücke zum Leben des Ehepaars Scheuermann zusammen. Den Lernenden ist nun bewusster, auf welche Schicksale die Tafeln hinweisen.

Einige Fragen blieben offen: Zum Beispiel, was aus Siegfried Scheuermann, dem Rabbiner der Jüdischen Gemeinde, und seiner Frau Elsa wurde, nachdem sie 1939 in die USA geflüchtet waren. Doch Einiges haben die Schülerinnen und Schüler der 13. Klasse mit Schwerpunkt internationale Wirtschaft der Max-Weber-Schule herausgefunden – und sie haben eine Stolpersteinverlegung organisiert, die am heutigen Donnerstag, 16. Mai, an der Wilhelmstraße 17 stattfindet.

Seit Dezember 2018 recherchierte die Schulklasse

Wenn sie künftig an Stolpersteinen vorbeikommen, werden Tabea Grafmüller, Larissa Schappacher, Jana Bosch und Evelyn Schweiz (alle 19) und die anderen aus ihrer Klasse genauer hinschauen: Ihnen ist jetzt bewusster, auf was für Schicksale die Messingtäfelchen hinweisen. Und sie wissen, was für ein langer Prozess es ist, bis diese dort liegen, wo Menschen lebten, die im Nationalsozialismus verfolgt oder ermordet wurden.



Mit Mona Frommer, ihrer Lehrerin für Geschichte und Gemeinschaftskunde, haben sie seit Dezember recherchiert und organisiert. Dabei war besonders eine siebenköpfige Expertengruppe im Einsatz. Anfangs wollten sie an die einstige jüdische Gemeinde insgesamt erinnern, doch bei ihren Forschungen stießen sie immer wieder auf die Stolpersteine – und entdeckten, dass es für den Rabbiner der Gemeinde und seine Frau keine gibt. Das ändert sich nun, wenn zwei Steine an der Wilhelmstraße 17 verlegt werden, wo die Scheuermanns gewohnt haben.

Bruchstücke eines Lebens

Mit alten Stadtplänen und dem Einwohnerverzeichnis haben sie die Adresse herausgefunden und schließlich auch den richtigen Standort. Auf den ersten Blick hätte auch das Goethe-Institut gemeint sein können, das dieselbe Adresse hat – allerdings sei schnell klar gewesen, dass dessen Gebäude zu neu sei, sagt Mona Frommer.

Monatelang haben die Jugendlichen – im Stadtarchiv, in der Unibibliothek und über den Suchdienst "International Tracing Service" – Bruchstücke zum Leben der Scheuermanns zusammengetragen: Siegfried Scheuermannwurde 1910 in Frankfurt geboren, sein Vater war Oberkantor, erzählt Tabea Grafmüller. Er ging aufs Reformgymnasium, studierte in Berlin Geschichte, Philosophie und orientalische Sprachen und ließ sich an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zum Rabbiner ausbilden. 1933 heiratete er Elsa Scheuermann, über die sich bis auf ihr Geburtsjahr 1914 nichts herausfinden ließ. 1936 wurde er Rabbiner. In der Pogromnacht im November 1938 holten ihn Gestapo-Leute aus dem Bett und zwangen ihn, die Zerstörung der Synagoge mit anzusehen. Danach wurde er, wie insgesamt 137 jüdische Männer, ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Da er Emigrationspapiere hatte, wurde er entlassen. In den USA änderte er seinen Namen in Stephan Sherman; 1957 starb er mit 46 Jahren.

Die Schüler haben zusätzlich Portfolios mit Reflexionen zum Umgang mit Geschichte geschrieben, außerdem nehmen sie an einem bundesweiten Stolpersteine-Schülerwettbewerb teil.
Heute, 16 Uhr, Wilhelmstraße 17: Stolperstein-Verlegung für Siegfried und Elsa Scheuermann, mit der 13. Klasse der Max-Weber-Schule und Katja Demnig, Frau des Stolperstein-Erfinders Gunter Demnig.

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