Geduldete Massaker

Tobias Käufer

Von Tobias Käufer

Mi, 15. September 2021

Ausland

In Nicaragua werden Indigene terrorisiert und vertrieben, die Regierung nimmt dies offenbar hin.

. In Nicaragua sind zum wiederholten Mal indigene Kinder, Frauen und Männer getötet worden. Das Massaker geschah auf dem Kiwakumbaih, einem Hügel, der eigentlich eine heilige Stätte und zugleich traditionelles Jagd- und Fischereigebiet für die indigene Bevölkerung Nicaraguas ist.

"Das war ein grausames Massaker und eine Warnung", sagt eine Mitarbeiterin einer kirchlichen Organisation im Telefongespräch mit der BZ. Ihren Namen will sie nicht nennen: "Das wäre auch mein Todesurteil." Derartige Massaker häufen sich in Nicaragua, berichtet sie. Damit sollen andere indigene Gemeinden, die sich ebenfalls auf wirtschaftlich attraktivem Gebiet befinden, Angst gemacht werden, dass sie freiwillig fliehen. Zwangsvertreibung ist eine der Voraussetzungen, damit Landraub überhaupt gelingen kann. Deswegen gäbe es auch Fotos und Videos von dem Massaker.

In dieser Woche führte die Hilfsorganisation Global Witness das linksregierte Nicaragua als eines der gefährlichsten Länder der Welt für Umweltschützer auf. Ganz offenbar nimmt die Regierung des international wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen umstrittenen sandinistischen Präsidentenpaares Daniel Ortega und Rosario Murillo diese strukturelle Gewalt bewusst in Kauf. Der Ortega-Clan hat das Land unter sich aufgeteilt: Ortega, seine Ehefrau Rosario Murillo als Vizepräsidentin sowie die Kinder des Paares, die an Schlüsselstellen in Wirtschaft und Medien sitzen, sind eng verwoben mit den wichtigsten und größten Unternehmen des Landes. Großen Eifer, diese Massaker aufzuklären und zu stoppen, zeigen sie nicht.

"Unüberhörbar ist das Schweigen der Polizei zu diesem Massaker, das die Hinterbliebenen zusätzlich traumatisiert", sagt Regina Sonk von der Gesellschaft für bedrohte Völker. "Sie bekommen vermittelt, dass ihr Leid keine Rolle spielt. Denn hier geht es nicht nur um das Eindringen in Naturschutzgebiete und indigene Territorien, sondern um mutmaßlich geplante Hinrichtungen. Die Politik muss solche Vergehen endlich mit angemessenen Strafen versehen und das Gesetz unmissverständlich durchzusetzen." Die Polizei aber ist enger Partner des Regimes, das seit Jahren Proteste und Demonstrationen gewaltsam unterdrückt.

Wie in Brasilien, Kolumbien oder Venezuela, wo es ähnlich brutale Massaker und Hinrichtungen von indigener Bevölkerung gibt, weil sie illegalen Holzfällern, Goldsuchern, der Drogenmafia oder einer Fläche fressenden Agrar-Industrie im Wege stehen. Auch in Nicaragua vermuten lokale Menschenrechtler die nicht enden wollende Nachfrage nach Holz, Gold und Rohstoffen als Grund für die gezielte Ausrottung der indigenen Bevölkerung, allerdings nahezu unbeachtet von der Weltöffentlichkeit.