Zirkustiere

Verhaltensforscher forscht an Wildtieren in Gefangenschaft – auch in Freiburg

Manuel Fritsch

Von Manuel Fritsch

Mo, 26. August 2019 um 11:12 Uhr

Brühl

Kommt ein Zirkus mit Wildtieren in die Stadt, ist Verhaltensforscher Immanuel Birmelin am Start. Er nutzt die Gelegenheit, an den Tieren zu forschen. Die BZ hat ihn im Raubtierkäfig getroffen.

Wenn ein Zirkus mit Wildtieren in die Stadt kommt, schrillen die Sirenen bei Tierschützern – und bei Immanuel Birmelin. Der Verhaltensforscher ist aber weit davon entfernt, Zirkustiere verbieten zu wollen: Er nutzt die Gelegenheit, an den Tieren zu forschen, die in Gefangenschaft leben. Die BZ hat ihn im Raubtierkäfig des Zirkus Charles Knie getroffen.

Der riesige Tiger schleicht um die Stahlbox in der Mitte seines Käfigs herum. Unter den Gittern der Box liegt ein großes Stück Fleisch. Öffnen lässt sie sich allerdings nur, wenn man die Holzschiene, auf der das Fleisch liegt, seitlich herauszieht. Der Tiger begutachtet die Box, tappt hier und dort dagegen, zieht die Schiene zur Hälfte raus, lässt wieder davon ab und dreht weiter seine Runden. Angeblich sind Tiger ja zu stolz, um sich einen Misserfolg anmerken zu lassen. Dann unternimmt das Tier einen zweiten Versuch, zieht die Schiene endgültig heraus und verschlingt das Fleisch.

Bedeutet Zirkustierhaltung immer auch Tierquälerei?

Immanuel Birmelin strahlt. "Für mich als Verhaltensforscher ist das toll!", ruft er. "Da sehen Sie, wie intelligent die Tiere sind. Und wir behaupten das nicht nur, hier beweisen wir es." Seit 20 Jahren ist Birmelin jedes Jahr in Afrika, um dort an Wildkatzen zu forschen. In Deutschland ist er inzwischen aber vor allem bekannt als Experte für Wildtiere in Gefangenschaft – gerade auch im Zirkus. Der Frage, ob Zirkustierhaltung Tierquälerei und Ausbeutung der Tiere bedeutet, wie das Kritiker behaupten, will Birmelin wissenschaftlich nachgehen.

Den Circus Krone hat Birmelin auf der Fahrt von Monaco nach München begleitet und dabei das Stresshormon Cortisol bei den Raubkatzen gemessen. Das Ergebnis: Die Katzen sind in den Lastwagen in etwa so gestresst wie die Wildkatzen in der Serengeti, die ein Kollege von Birmelin untersucht hatte. Kein Hinweis auf einen quälenden Transport also.

"Ich kann die Tiere nichts machen lassen, was sie nicht machen wollen." Alexander Lacey, Trainer
Auch in Freiburg sehen die Tiger und Löwen zufrieden aus, wenn ihr Trainer Alexander Lacey sie auf das Geduldspiel an der Fleischbox vorbereitet. "Ich kann die Tiere nichts machen lassen, was sie nicht machen wollen", sagt Lacey. "So ein Löwe wiegt 400 Kilo. Wie sollte ich ihm etwas befehlen?" Stattdessen motiviert er die Tiere und überlegt für jedes individuell, was er es in der Manege machen lässt.

Große Sprünge zum Beispiel seien eher etwas für die drahtige Löwendame. Das schwere Löwenmännchen würde er nie dazu bewegen können. Außerdem sei es für das Tier nicht gut. "Wir machen nur natürliche Bewegungen", sagt Lacey. Tricks – also Dinge, die die Tiere von sich aus nicht machen würden – bringe er ihnen nicht bei.

Er sieht sich daher auch eher als Motivator seiner Tiere. Eine Peitsche gibt es nicht, stattdessen Fleischstückchen – entweder aus der Hand oder von der Stockspitze, je nach Temperament des Tieres. Konfrontation will er unbedingt vermeiden. "Die Tiere würden sofort merken, dass sie stärker sind als ich. Das wäre fatal", sagt er. Und was sehen die Tiere in ihm? "Die Oberkatze" sagt er, "einen Freund und wahrscheinlich vor allem einen Tiger, der ziemlich seltsam aussieht."

Gute Tierhaltung kann ein Beitrag zum Artenschutz sein

Die Frage, ob die Zirkuskatzen unnatürlich gehalten werden, hält der Verhaltensforscher Birmelin für zu kurz gegriffen. "Löwen dösen 18 bis 22 Stunden am Tag", sagt er. Das könnten sie im Zirkus allemal. Dass die Tiere bei seinem Besuch im Käfig auf und ab laufen, sei auch kein Zeichen für eine Störung, sondern vielmehr Ausdruck ihres Interesses. "Jetzt sind viele unbekannte Leute hier. Da wollen die Tiere wissen, was los ist."

Die Idee, Zirkustiere auszuwildern, sei dagegen völlig realitätsfern. "Die Tiere sind hier aufgewachsen und haben Bindungen untereinander und zu ihrem Trainer aufgebaut." In freier Wildbahn kämen sie nie zurecht. Wichtiger sei es, zu erforschen, wie die Tiere möglichst gut gehalten werden können. "Dann tragen wir zum Artenschutz bei." Ähnlich sieht dies die zwölfjährige Maren, die mit ihrem Opa gekommen ist, um die Tiere anzuschauen. Zirkustiere finde sie toll – sie müssten nur gut gehalten werden: "Hier sieht das so aus, hier haben sie viel Auslauf."