"Stimmen" in Lörrach:

George Ezra bringt gute Manieren und gepflegte Musik auf den Marktplatz

Willi Adam

Von Willi Adam

Fr, 12. Juli 2019 um 00:07 Uhr

Lörrach

Zwei Konzerte, zwei Treffer. Auch der zweite "Stimmen"-Abend auf dem Lörracher Marktplatz, diesmal mit George Ezra, war musikalisch ausgefeilt, gut besucht und stimmungsvoll – auch rund ums Gelände.

Manche wollen bei "Stimmen" mehr große Namen, andere mehr Entdeckungen. Und dazwischen steht Festival-Chef Markus Muffler, der die unterschiedlichen Erwartungen auch ökonomisch in Einklang zu bringen hat. Nach dem Marktplatz-Auftakt am Mittwoch mit Jan Delay , dem zum perfekten Entertainer gewandelten Ex-Rapper, ist am Donnerstagabend auch beim zweiten Konzert am zentralen "Stimmen"-Spielort die Rechnung wieder aufgegangen: George Ezra verkörperte eine bemerkenswerte Mischung aus Newcomer und bereits arriviertem Künstler, aus Entdeckung und Star. Und wie es scheint, stand der Festivalleitung das Glück des Tüchtigen beiseite. George Ezra gerade noch rechtzeitig im Steigflug der Karriere mit den hier möglichen Mitteln verpflichtet zu haben, zahlte sich aus. Der gerade einmal 26-Jährige lockte wie tags zuvor Jan Delay geschätzt wieder mehr als 4000 Zuhörer an.

Auch sonst wirkt das Festival in diesem Jahr wieder ziemlich lässig. Das Wetter passt, der Bier-Zank des vergangenen Jahrs ist Schnee von gestern oder dringt zumindest nicht durch, und rund ums Konzertgelände, vor allem am westlichen Ende des Marktplatzes, sind die Gaststätten gefüllt und jede Menge Bummler und Eisesser unterwegs. Einige Frauen haben es sich sogar unter einer Marktplatzplatane stilvoll auf einer Picknickdecke bequem gemacht. Very british, wie das Programm auch.

Das war schon bei der von George Ezra persönlich ausgewählten Vorgruppe Kawala der Fall. Sympathische Jungs in Poloshirt und Blouson, sehr nett und doch ein bisschen schräg, spielen im letzten Tageslicht einen leichten Pop – schön, aber keineswegs glatt. Das gibt die Tonlage vor für George Ezra, der dieser Tage in einer Radio-Kritik als "sympathisch uncooler Schwiegermutterliebling" bezeichnet wurde. Dass dies als Kompliment zu verstehen ist, wurde auch in Lörrach deutlich. Da stand ein kultivierter junger Herr aus guter Familie auf der Bühne, frei von Allüren, aber mit seinen 26 Jahren bereits von bemerkenswerter Ausstrahlung. Musikalisch wechselt Ezra von eingängigen Balladen zu rockigen Songs, dann lässt er es knistern wie auf alten Bluesplatten oder mixt jazzige Bläsersätze in die Arrangements. Das Erstaunlichste an George Ezra ist jedoch seine chamäleonartige Stimme. Der junge Mann klingt auf Knopfdruck wie ein Alter und bei seinen Bob-Dylan-Reminiszenzen weiß man nicht, ob das nun Ehrerbietung oder trockene Ironie ist.

Der weltläufige Herr Ezra pflegt übrigens Anekdoten zum Besten zu geben, gewürzt mit typisch britischem Humor. Darin erzählt er von seinen wirklich skurrilen Videos ("Ich singe darin Karaoke mit meinen eigenen Songs"). Außerdem spricht er gerne über seine Reisen und über Orte, an denen ihm seine Einfälle kommen. Diese Ansagen sind Programm: Ein Abend mit gepflegter Konversation, kultivierte Unterhaltung eben. Und beim solcherart beschwingten Nachhausegehen wird man das Gefühl nicht los, hier einen künftigen Großen erlebt zu haben.