Gesellschaftsanalyse schlägt Schadenfreude

Barbara Schweizerhof, epd

Von Barbara Schweizerhof & epd

Mo, 23. Mai 2022

Kino

Das Festival von Cannes findet zu seiner Stärke: Kino, das die unmittelbare Gegenwart seziert.

Die Reichen und Schönen sind ein leichtes Ziel für die Satire. Nichts scheint einfacher, als die Gäste einer Luxus-Yacht der Lächerlichkeit preiszugeben. Es braucht nur einen tüchtigen Sturm, und die, die eben noch beim "Captain’s Dinner" stolz ihre Austern schlürften, können nichts mehr vom gegessenen Reichtum bei sich behalten, geschweige denn eine gute Figur machen.

Der schwedische Regisseur Ruben Östlund – mit seiner Satire über den Kunstbetrieb, "The Square", gewann er 2017 in Cannes die Goldene Palme – lässt das Kernstück von "Triangle of Sadness" auf einer Luxusyacht spielen. Dort versammelt er ein modernes "Upstairs-Downstairs" des digitalen Zeitalters: oben auf dem Sonnendeck gibt es das junge Influencer-Pärchen, den russischen Oligarchen, die britischen Waffenhändler und einen skandinavischen Programmierer, die allesamt ihren Reichtum in Status umgesetzt sehen wollen. Unter Deck die Unterprivilegierten aus dem Nahen und Fernen Osten.

Mit Focus auf dem jungen Paar, das mit dem ständigen Fotografieren seiner selbst Geld verdient, lotet Östlund einmal mehr das Unwohlsein im Wohlstand aus. In seinen tableauartigen Szenen, die manchmal überraschende Schlaglichter auf die Tauschverhältnisse zwischen Macht und Geld werfen, manchmal aber auch purer Slapstick sind, hält er sein Publikum mit viel Schadenfreude bei der Stange.

Auch der amerikanische Regisseur James Gray erzählt in "Armageddon Time" über die eigene Kindheit im New York der frühen 1980er Jahre von Privilegien: Ein elfjähriger Junge aus jüdischer Familie erfährt, wie ihm als präpubertierendem "Problemkind" Tausende von Hilfsangebote gemacht werden, während sein schwarzer Schulfreund sofort als Krimineller abgestempelt wird – und dass er als weißer Junge nichts dagegen tun kann. Grays autobiografisch gefärbter Film beeindruckt, weil er entschieden unsentimental daherkommt und nichts verklären will. Und doch scheint diese Art Bloßstellung des Rassismus von früher, ähnlich wie die Schadenfreude über das Unglück der Reichen, immer auch ein wenig billig.

Wie man die unmittelbare Gegenwart aufs Korn nimmt, ohne in Klischees zu verfallen, führte der Rumäne Christian Mungiu mit "R.M.N." (der Titel bezieht sich auf eine Kernspintomographie und das Land Rumänien) vor. Mungiu gewann als Newcomer 2007 mit dem Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" die Goldene Palme, und liefert mit "R.M.N." einen Scan der rumänischen Gesellschaft, der regelrecht alarmiert.

Anhand der Konflikte in einer transilvanischen Kleinstadt fächert Mungiu das Spektrum der brennenden Probleme des heutigen Europas zwischen West und Ost auf. Dass die hier eingesessenen Rumänen, Ungarn und Deutschen miteinander streiten, ist Normalität. Der aggressive Stolz, mit dem sich manche brüsten, die "Zigeuner" endlich losgeworden zu sein, klingt schon weniger gemütlich. Gestört wird der prekäre Kleinstadtfriede endgültig, als die örtliche Brotfabrik Arbeiter aus Sri Lanka anheuert. Hinter der Ablehnung von Ausländern verbergen sich Vorurteile gegen Umweltschutzauflagen und andere "Diktate" der EU.

Mungiu denunziert seine Figuren nicht und zeigt doch falsches Denken und falsche Privilegien ganz ohne Schadenfreude. Was ihn erneut zum Favoriten für eine Palme macht.