Gesicht der Woche

Florian Schroeder – Die Sehnsucht nach Relevanz

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 22. November 2020 um 15:20 Uhr

Südwest

Florian Schroeder hat mit seinem Auftritt auf einer Querdenker-Demo einen echten Coup gelandet. Nun hat der 1979 in Lörrach geborene Kabarettist dafür den Deutschen Kleinkunstpreis erhalten.

Schroeder habe bei seinem Auftritt bei einer Stuttgarter "Querdenker"-Demo im August gezeigt, "dass Kabarett für die Gesellschaft unverzichtbar und systemrelevant" sei, so die Jury. Sofort schimpften die ersten, Schroeders Wahl sei politisch begründet und weniger, weil er sich als besonders relevanter oder innovativer Kabarettist hervorgetan habe. Diese kommen zu einem guten Teil aus der Ecke der Kritiker der Pandemiepolitik. Schroeder hatte einen echten Coup gelandet, denn als subversiven Aktionisten hatte man ihn nicht auf der Rechnung. Dabei war die Sache ein Missverständnis. Schroeder hatte Mitte Juli in einer Nummer Parolen der Bewegung überspitzt: "Ich dürfte das alles gar nicht sagen. Die Wahrheit ist: Drosten ist gar kein Wissenschaftler." Weil Hysterie und Humor einander aber abstoßen, wurde Schroeder als Redner auf die "Querdenker"-Demo eingeladen. Dort rief er in die ihn feierende Menge: "Wollt Ihr die totale Meinungsfreiheit?" – um danach zu erklären, dass seiner Meinung nach Maskentragen das Beste ist, was man in diesen Tagen tun könne. Die Stimmung kippte – aber auch der Auftritt, in etwas biedere Belehrungen zur Meinungsfreiheit. Der Treffer saß dennoch. Schroeder, der seit 2006 in Berlin lebt, betrat das TV-Rampenlicht mit gerade einmal 14 Jahren als Parodist in der Sendung "Schmidteinander" und legte danach eine steile Karriere in Radio und Fernsehen hin, mit eigenen Shows, Kolumnen, Podcasts und inzwischen drei Büchern, aber auch als agiler und schlagfertiger Talkshowgast. 2004 begann er die legendären Jahresrückblicke mit Volkmar Staub (bis 2018) und bewegt sich beeindruckend erfolgreich im Haifischbecken der TV-Aufmerksamkeit seit bald 20 Jahren zwischen Comedy, Parodie und Kabarett. Er scheut klassische "Die-da-oben-alle-doof"-Nummern so wenig wie die "Heute Show", kann auch leicht mal pädagogisch werden und wirkt dann wie eine dynamischere Version von Dieter Nuhr. So gilt die Entscheidung nicht nur Schroeders bisherigem Werk, sondern auch einem Bedürfnis: nach relevantem und herausforderndem Kabarett. René Zipperlen