Gesucht wird der "Evangelist"

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Von dpa

Mi, 10. August 2022

Wirtschaft

Unternehmen verwenden öfters englische Bezeichnungen in ihren Stellenanzeigen / Ob sie damit Erfolg haben, ist zweifelhaft.

Berater adé – gesucht wird der "Evangelist". Im Bemühen, sich einen weltläufigen Anstrich zu geben, wählen viele Unternehmen im deutschen Sprachraum englischsprachige Bezeichnungen in ihren Stellenausschreibungen. Das hat häufig nachvollziehbare Gründe. Doch gerät die Stellenbeschreibung allzu blumig , mindert das nach Einschätzung von Fachleuten die Erfolgschancen bei der Talentsuche. Die Spanne reicht vom nüchtern Alltäglichen bis zum Rätselhaften. Einige Beispiele: "Evangelist & Project Manager", "Venture Architect", "Field Sales Activator" oder auch "Product Owner".

Die Nutzung von Englisch hänge mit der zunehmenden internationalen Geschäftstätigkeit und auch der steigenden Internationalität der Belegschaften in Deutschland zusammen, sagt Maike Andresen, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Bamberg. Häufig wird schriftlich nur in Englisch kommuniziert. In manchen Abteilungen großer Konzerne wird Englisch aber mittlerweile auch gesprochen. "Folglich werden auch die Stellenbezeichnungen und -beschreibungen nunmehr auf Englisch erstellt", sagt Andresen.

Bekanntheit erlangt hat der "Facility Manager", der den früher üblichen "Hausmeister" verdrängt hat. Das Beispiel illustriert auch, wie die Fremdsprache für geschönte Stellenbezeichnungen genutzt wird. Denn viele der angebotenen "Manager"-Stellen sind keine Führungspositionen, ob nun Facility, Sales, Research oder Knowledge Manager. Ein Kölner Hotel sucht auf Stepstone einen "Cleaning Agent" anstelle einer Reinigungskraft. Diese Bezeichnung ist bislang allerdings nicht weit verbreitet.

Eine normale Angestelltenposition mit einem wohlklingenden englischen Titel zu versehen, kann für ein Unternehmen sinnvoll sein. "Wir sind in einem Bewerbermarkt, und da kann ein etwas pointierterer Titel helfen", sagt Philipp Kolo von der Beratungsfirma Boston Consulting.

Zu den Vorreitern blumiger Stellenbezeichnungen gehören Informationstechnik-Firmen auf der Suche etwa nach "Evangelists" oder "Architects", die weder mit Verbreitung des Christentums noch der Baubranche etwas zu tun haben. Der Terminus "architect" solle den kreativen und schöpferischen Aspekt betonen, analog zur Tätigkeit eines echten Architekten, meint die Bamberger Professorin Andresen. Als "Evangelisten" bezeichneten IT-Firmen ursprünglich Menschen, die Allgemeinheit und Kunden den Segen der Digitalisierung nahebringen sollten.

Umgekehrt haftet althergebrachten deutschsprachigen Stellenbezeichnungen häufig der Ruf des hoffnungslos Biederen an. "Wenn Sie junge, digital affine Talente suchen und einen Sachbearbeiter ausschreiben, wird diese Anzeige kaum jemand lesen", sagt Berater Kolo.

Doch wie werden englischsprachige Stellenbezeichnungen von denjenigen wahrgenommen, um die es geht? Studien dazu sind rar, doch 2008 hatte das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) bei Berufsanfängern deren Präferenzen abfragen lassen. "Damals ist herausgekommen, dass junge Leute vor allem Verständlichkeit wollen, und da sind Positionsbeschreibungen aus der Wirtschaft nicht unbedingt die besten", sagt BIBB-Abteilungsleiterin Monika Hackel. "Es sollte sich erschließen, was die Tätigkeit ist, und die sollte sich spannend anhören. Es gibt Signale, die von Jugendlichen angenommen werden, aber Anglizismen gehören nicht dazu."

Eine wichtigere Rolle als eine schön formulierte Stellenausschreibung spielt ein ganz anderer Faktor: die Bezahlung. "Niemals fehlen sollte in einer Stellenanzeige mittlerweile die Angabe einer Gehaltsspanne", sagt Stepstone-Fachmann Tobias Zimmermann. Nach Stepstone-Daten sagen 80 Prozent der Kandidatinnen und Kandidaten, dass sie sich eher auf Stellen mit konkreten Gehaltsinfos bewerben. Und die Sprache spielt noch in ganz anderer Hinsicht eine Rolle: Unternehmen sollten nach Zimmermanns Einschätzung darauf achten, dass sich nicht nur Männer angesprochen fühlen, sondern auch Frauen.