Kartendienst

Google Street View ist am Datenschutz gescheitert

dpa

Von dpa

Mo, 16. November 2020 um 12:50 Uhr

Computer & Medien

Auf Deutschlands Straßen wurden die Kamera-Wagen schon lange nicht mehr gesehen. Im Panoramadienst von Google besteht Deutschland vor allem aus weißen Flecken.

Die bunten Google-Autos mit den auffälligen Kamera-Aufbauten fahren inzwischen in rund 90 Ländern der Erde herum. Millionen von Panoramaaufnahmen ermöglichen es Google, in seinen Karten eine virtuelle Umgebung anzubieten. Fast 20 Millionen Kilometer haben die Wagen abgefahren. Google Street View umfasst auch Ansichten der Unterwasserkorallen von West Nusa Tenggara in Indonesien oder im Naturwunder Grand Canyon.

Auf den Straßen hierzulande wurden die Kamera-Wagen allerdings schon lange nicht mehr gesehen. Im Panoramadienst von Google besteht Deutschland vor allem aus weißen Flecken. Und dort, wo etwas zu sehen ist, wurden die Bilder seit 2011 nicht mehr aktualisiert.

Google Street View ging in Deutschland vor zehn Jahren an den Start. 20 große Städte sollten am 18. November 2010 den Anfang machen, kleinere schnell folgen.

"Ich kann mir anschauen, welche Vorhänge an den Fenstern sind"

Doch der Ausbau kam bald ins Stocken, weil sich an dem Dienst die schärfste Datenschutz-Debatte seit dem Streit um die Volkszählung Anfang der achtziger Jahre entsponnen hatte. Die damalige Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) malte mögliche Konsequenzen in düsteren Farben an die Wand: "Ich kann mir anhand von solchen Diensten anschauen, wo und wie jemand lebt, welche privaten Vorlieben er oder sie hat, wie seine Haustür gesichert ist oder welche Vorhänge an den Fenstern sind – und das ist noch das Wenigste."

Der Digitalverband Bitkom spricht von "Aufregung und auch Hysterie", die geherrscht habe. Jahrzehntelang sei die Veröffentlichung von Bildern des öffentlichen Raums erlaubt und üblich gewesen. "Jetzt sollte dies speziell mit Blick auf Kartendienste verboten werden, ein eigenes Gesetz wurde angekündigt", erinnert sich Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.

Der Bitkom kritisiert noch heute, der Druck von Datenschützern habe dafür gesorgt, dass bei Verpixelungen alle Bilder des entsprechenden Gebäudes oder Gebäudeteils von den Diensteanbietern endgültig gelöscht werden mussten. "Das hat etwa zur Folge, dass die Aufnahmen nach Mieter- oder Eigentümerwechseln nicht wiederhergestellt werden können."

Debatte um eine "Pixel-Burka"

Gestartet war Street View im Mai 2007 in den USA. Google erkannte schnell, dass Gesichter und Auto-Kennzeichen automatisch unkenntlich gemacht werden sollten. Lange kontrovers diskutiert wurde, ob auch Häuserfassaden mit einem virtuellen Schleier überzogen werden sollten – und wer das zu entscheiden hat: Eigentümer oder aktuelle Bewohner. Am Ende einer quälend langen Debatte um eine "Pixel-Burka" durften das beide Gruppen.

In Deutschland beantragten damals 244 000 Haushalte, ihre Wohnhäuser unkenntlich zu machen. Google betonte damals, knapp drei Prozent der Haushalte hätten eine Verpixelung beantragt. Der Aufwand dafür war wohl so groß, dass Google auf weitere Kamerafahrten verzichtete. Nur zu Prestige-Projekten wie der Erkundung der Münchner Allianz-Arena oder der Elbphilharmonie in Hamburg wurden die Street-View-Kameras noch verwendet.