Auslandsaufenthalt

Eine Gundelfinger Studentin erlebt die Proteste in Chile hautnah

Elisabeth Platzer

Von Elisabeth Platzer

Do, 14. November 2019 um 13:26 Uhr

Gundelfingen

Wasserwerfer und nächtliche Ausgangssperren – die Regierung reagiert mit Härte auf die Proteste der Bevölkerung. Elisabeth Platzer, 24, schildert ihre Sicht der Dinge.

Die chilenische Stadt Concepción ist mehr als 12 000 Kilometer entfernt vom beschaulichen Gundelfingen und derzeit Kulisse landesweiter Proteste. Mehr als eine Millionen Menschen gehen in Chile auf die Straße, um gegen die soziale Ungleichheit zu demonstrieren. Unter ihnen ist die Gundelfingerin Elisabeth Platzer, die einen Teil ihres Masterstudiums in der 220 000-Einwohner-Stadt absolviert und die Proteste miterlebt.
Elisabeth Platzer (24) aus Gundelfingen studiert Raumplanung mit Schwerpunkt Naturrisiken und Katastrophenschutz. Sie nimmt an einem deutsch-chilenischen Masterprogramm teil und lebt derzeit in Concepción.

"Wo seid ihr? Ich bin auf der Plaza Tribunales, hier wird unterdrückt, sie schmeißen Tränengasbomben", tippt Fernanda mit ernster Miene in ihr Handy. Dann schwingt sie sich auf ihr Fahrrad, an dessen Lenker ein vom Klopfen zerbeulter Metalltopf baumelt, und beobachtet aufmerksam das Geschehen – jederzeit bereit den Wasserwerfern auszuweichen.

"Wir kehren nicht einfach zur Normalität zurück, wir werden protestieren, bis sich etwas ändert." Gonzalo, Student
Fernanda studiert an der Universität Concepción, eine der größten Städte Chiles. Der schmale Küstenstaat wurde aufgrund seiner Wirtschaftsleistung in der Vergangenheit oft als Vorzeigeland Lateinamerikas bezeichnet. Fernanda findet nicht, dass es diesen Titel verdient hat. Schließlich würden Monokulturen der Forstunternehmen die Landschaft auffressen und die Trinkwasserversorgung sei privatisiert. Ferner mache die politische Elite Minenunternehmen, die ökologische Standards missachten, Zugeständnisse, während sie sich für die alltäglichen Probleme der breiten Bevölkerung nicht interessiere. Das Gesundheitssystem sei überlastet, der Mindestlohn reiche kaum zum Leben und Studiengebühren würden umgerechnet mehr als 2000 Euro pro Semester betragen.

Nur wenige glauben, dass Wahlen etwas bewirken

Fernanda könne sich ihr Studium nur dank der Unterstützung ihrer Eltern leisten, sagt sie. Über Jahre hinweg sei mal friedlicher, mal heftiger demonstriert worden, ohne dass sich die Situation verbessert hätte. Weniger als 50 Prozent der Bevölkerung nahmen an den Präsidentschaftswahlen 2017 teil. Dass sich durch Wahlen etwas ändert – daran glauben nur wenige, so die junge Chilenin.

Eine Fahrpreiserhöhung in der Hauptstadt Santiago war schließlich der finale Auslöser, der die frustrierten Menschen auf die Straße trieb. Die Regierung rief als Reaktion auf Ausschreitungen den Notstand aus und schickte das Militär auf die Straßen. Eine Zäsur. Dass die Armee auf Demonstranten losgeht, geschah zuletzt unter dem faschistischen Diktator Pinochet, der bis 1990 regierte. Nun verhängte die Regierung in Concepción und anderen größeren Städten abendliche Ausgangssperren. Präsident Sebastian Piñera hat diese mittlerweile zwar wieder aufgehoben, doch die Proteste halten an. An der Universität wurde der Betrieb eingestellt – aus Sicherheitsgründen. Nichtsdestotrotz bietet der offene Campus Platz für Diskussionsveranstaltungen. So lud das Rektorat in der ersten Woche der Proteste zu einem Dialog im Forum ein, bei der Ideen für ein gerechteres Chile zusammengetragen wurden. Dort ist man sich einig, dass die sozialen Forderungen der Proteste Bestand haben müssen.

Professoren ermutigen Studenten, zur Demo zu gehen

Einige Professorinnen und Professoren nehmen selbst an den Demos und Versammlungen teil und ermutigen ihre Studierenden, sich einzumischen, um Teil dieses historischen Moments zu sein.

"Ich bin voller Hoffnung, dass sich diesmal wirklich etwas ändert." Fernanda, Studentin
"Wir kehren nicht einfach zur Normalität zurück, wir werden protestieren, bis sich etwas ändert", sagt der Student Gonzalo bei einer Veranstaltung auf der kleinen Plaza Condell. Dort hängen die Bilder von 23 Menschen, die bei Plünderungen ums Leben kamen. Die Menschen kommen zusammen, um Kerzen anzuzünden. "Ich bin erschöpft, physisch und emotional. Ich habe demonstriert, bin gesprungen und vor Wasserwerfern und Tränengas weggerannt. Aber ich bin auch wütend darüber, dass die Politiker uns nicht ernst nehmen, Gesetze gegen Vandalismus und Vermummung ankündigen und nicht sehen, dass der Großteil der Proteste friedlich ist", sagt Gonzalo.

Brennende Barrikaden, Live-Musik, Fußball

Als die Versammlung sich auflöst, gehen er und seine Freunde zwei Straßen weiter zu einem verbarrikadierten Kreisverkehr. Es beginnt zu dämmern. Schrotthaufen brennen. An einer Ecke spielt eine Rockband, an einer anderen kicken Jugendliche. Inmitten des Kreisverkehrs sitzen Menschen auf der Straße, unterhalten sich, rauchen, trinken Bier und skandieren Parolen: "El pueblo, unido, jamás será vencido" (Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden) oder "Oh, oh, qué calor, el guanáco por favor" (Oh, oh, was für eine Hitze, den Wasserwerfer, bitte).

Inzwischen ist auch Fernanda zu der Gruppe gestoßen. Sie ist aufgewühlt von Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstrierenden. Ans Aufhören denkt sie nicht. "Ich bin voller Hoffnung, dass sich diesmal wirklich etwas ändert." Die Bewegung sei einzigartig, sie schaffe es, das Land zu vereinen. "Wir dürfen nicht aufhören, müssen weiterkämpfen." Gonzalo nickt zustimmend: "Wir haben keine Angst." Er erinnere sich noch an die Gespräche seiner Eltern, als er ein Kind war. "Die hatten die Diktatur erlebt und Angst, auf die Straße zu gehen." Jetzt sei es Zeit, aus der Starre zu erwachen.

Forderung nach neuer Verfassung

Die Forderungen nach einer neuen Verfassung werden immer lauter. Die jetzige stammt noch aus der Pinochet-Ära. Die jungen Menschen verbinde die Hoffnung, das zu ändern. "Wir können unser Grundgesetz erschaffen und unsere wichtigsten Ressourcen verstaatlichen. Denn alles ist privatisiert. Eine kleine Gruppe behält das große Geld für sich, und wir kriegen nur die Krümel ab", sagt er.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben und der Wunsch nach einem sozialen Wandel liegen in der Luft. Manchmal dreht sich der Wind und ein paar Reste von Unsicherheit und Tränengas reizen die Augen. Zur Verabschiedung sagt man sich in diesen Tagen nicht "Adiós", sondern "Cuídense" – Passt auf euch auf.