"Eine blühende Oase"

Andrea Steinhart

Von Andrea Steinhart

Mi, 30. Dezember 2020

Gundelfingen

BZ-INTERVIEW mit Gerda Geretschläger von der Gundelfinger Indienhilfe, die seit 25 Jahren besteht.

Die Gundelfinger Indienhilfe "Wasser ist Leben" unterstützt seit 25 Jahren die Arbeit der indischen Frauengemeinschaft "Helpers of Mary". Eine Jubiläumsfeier fällt wegen der Corona-Pandemie aus, stattdessen gibt es eine Broschüre über die Hilfen. Diese geht an Paten, Unterstützer und Förderer. Wie es zur Gründung der Indienhilfe kam und welche Projekte seither bewältigt wurden, erzählte die Vorsitzende Gerda Geretschläger im Gespräch mit Andrea Steinhart.

. BZ: Frau Geretschläger, vor 25 Jahren haben Sie die Indienhilfe Wasser ist Leben gegründet. Wie kam es dazu?

Geretschläger: In den 1990er Jahren besuchte ich das indische Kinderdorf Naya Jivan. Unter der Fürsorge der Frauengemeinschaft Helpers of Mary lebten dort 400 kleine und große Mädchen aus Leprakolonien, Müllhalden und Elendsvierteln Mumbais. Während des Besuchs lagen viele Mädchen mit hohem Fieber auf Bodenmatten. Das Trinkwasser, das einmal in der Woche vom Wassertanker angekarrt und in einem offenen Betontrog gelagert wurde, hatte die Mädchen krank gemacht. Beim Schulfest 1995 an der Gundelfinger Grundschule wurde für den Bau eines Brunnens geworben. Die Initiative war sehr erfolgreich und sorgte für einen Erdtank, Trinkwasserleitungen, Pumpen und Zapfhähne im Kinderdorf.

BZ: Welche Hilfe wurde bisher geleistet?

Geretschläger: Mit dem Zugang zu Wasser hat sich das Kinderdorf in eine blühende Oase verwandelt. Gegenwärtig leben dort 130 Mädchen, darunter 47 HIV-positive Mädchen. Es wurde eine Farm aufgebaut mit Gemüse-, Obstanbau und Viehwirtschaft. Die Mädchen werden regelmäßig ärztlich versorgt, die Bildung nimmt einen hohen Stellenwert ein. Die Mädchen lassen sich in vielerlei Berufen ausbilden, wie zur Krankenschwester, IT-Fachkraft, Näherin, Polizistin, Erzieherin, Lehrerin oder Betriebswirtin. Dabei werden sie von unseren Pateneltern und unserer Echo-Stiftung kräftig unterstützt. Nach dem Vorbild dieses Kinderdorfs wurden in weiteren Hilfszentren Brunnen, Regenwasserspeicher, bessere Wohnverhältnisse, Aufforstungen, Solaranlagen und auch Ziegenprojekte gefördert. Fördermittel gab es auch für Schulbildungen in Slums und Ureinwohnersiedlungen, für Mädchen in weiteren vier Heimen, für Alphabetisierungskurse und Berufsausbildungen von ärmsten Slumfrauen.

BZ: Mit welchen Problemen haben die Mary-Schwestern derzeit bezüglich der Pandemie zu kämpfen?

Geretschläger: Die Beschaffung und Verteilung von Masken, Hygieneartikeln, Lebensmitteln und Medikamenten ist eine große Aufgabe. Besonders viel Zuspruch brauchen jene Mädchen, die auf Anweisung der Regierung nach dem Lockdown die Mädchenheime verlassen mussten und bei verbliebenen Verwandten untergebracht wurden. Es sind etwa 1500 Mädchen. Trotz Schulbeginn dürfen sie noch immer nicht in die Heime zurückehren. Sie sind von Bildung und Fürsorge abgeschnitten, sind häufig Hunger und nicht selten auch Gewalt ausgesetzt. Wie es weitergeht, können uns auch die Mary-Schwestern nicht sagen. Viel Zuspruch brauchen auch jene Slumfrauen, die mit unserer Hilfe Berufsausbildungen erworben, durch die Epidemie aber Arbeit und Einkommen verloren haben.

BZ: Welche Aufgaben will die Indienhilfe in den nächsten Jahren angehen?

Geretschläger: "Hilfe zur Selbsthilfe" ist das Motto unseres Vereins. Wir helfen in aktuellen Notlagen und wollen weiterhin in Brunnen, Regenwasserspeicher, Solaranlagen, Eigenanbau, Bildungsmaßnahmen und Ziegenprojekte investieren. Für alle Maßnahmen erhält der Verein schriftliche Anträge und Kostenvoranschläge, am Ende eines jeden Wirtschaftsjahres gibt es staatlich geprüfte Rechenschaftsberichte über die Verwendung der Spendenmittel. Im Laufe der vielen Jahre haben sich sehr persönliche Beziehungen zu Ordensmitgliedern und zu einigen Hilfszentren entwickelt. Man kennt sich persönlich und arbeitet von Angesicht zu Angesicht.

Gerda Geretschläger (78) lernte nach dem Abitur die Gründerin der Helpers of Mary kennen und war über Misereor von 1966 bis 1969 in der Ausbildung des Ordensnachwuchses in Mumbai tätig. 1967 nahm sie an der Gründung des Kinderdorfs Naya Jivan teil. 1992 erlebte sie dort eine katastrophale Wassernot. 1995 gründete sie die Initiative Wasser ist Leben, die 2008 in den Verein Indienhilfe Wasser ist Leben umstrukturiert wurde. Weitere Infos: http://www.indienhilfe-wasser-ist-leben.de