H2-Pioniere gesucht

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 11. August 2019

Freiburg

Der Sonntag Wie die Region ihre erste kommerzielle Wasserstoff-Tankstelle bekommen soll.

Welcher Bürger, welche Firma fährt ein Fahrzeug mit Wasserstoff-Antrieb oder plant, ein solches anzuschaffen? Das Fraunhofer-ISE will zusammen mit dem Konsortium H2 Mobility eine erste kommerzielle Wasserstoff-Tankstelle in den Breisgau holen und sucht nach potenziellen Nutzern.

Während in den letzten Jahren in Städten und Dörfern zahlreiche Ladesäulen für Elektroautos pressewirksam eröffnet wurden, ist es um den umweltfreundlichen Antrieb mit Brennstoffzelle und Wasserstoff recht ruhig geblieben. Die Zahl der Akteure ist hier auch deutlich geringer: Im Raum Freiburg gibt es etwas mehr als eine Handvoll Fahrzeuge und die einzige Wasserstoff-Tankstelle der Region betreibt das Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) zu Forschungszwecken.

Doch das ISE möchte, dass die Wasserstoff-Mobilität in Südbaden eine festere Basis bekommt, und bittet deswegen jetzt die Bevölkerung um Hilfe. Genauer: Bürger, Firmen oder Institutionen, die mit Wasserstoff betriebene Fahrzeuge besitzen oder welche anschaffen wollen. "Wir suchen Wasserstoff-Pioniere in und um Freiburg", heißt es einer Pressemitteilung. Und die können über eine unverbindliche Absichtserklärung nun bis zum 15. August anzeigen, dass sie mögliche Kunden einer neuen Ladestation in der Region wären. Ein Formular liegt auf der ISE-Webseite bereit.

Falls sich auf diese Weise etwas Aufbruchsstimmung abzeichnet, könnte das Firmenkonsortium H2 Mobility im Großraum Freiburg die erste kommerziell betriebene Wasserstoff-Tanke der Region installieren. H2 Mobility ist ein Zusammenschluss von Daimler, den Gasherstellern Air Liquide und Linde und den Tankstellenbetreibern OMV, Shell und Total. Gestützt durch Fördermittel von Bund und EU will das Konsortium den Boden für einen Wasserstoff-Markt in Deutschland bereiten. "Unser erstes Ziel ist der Betrieb von 100 Stationen in den Ballungszentren", sagt Sprecherin Sybille Riepe. Rund 70 davon existieren schon. "Danach schauen wir nach dem Bedarf in weiteren Regionen." Und ja, dabei habe man auch Freiburg auf dem Schirm.

Bei der Bedarfsumfrage des ISE gehe es allerdings nicht um die Frage, ob Kosten gedeckt sind oder Gewinn erzielt werden kann – davon sind die Wasserstoff-Wegbereiter ohnehin kilometerweit entfernt. Der Aufbau einer Station kostet laut H2 Mobility zwischen 900 000 und 1,4 Millionen Euro. "Das wäre über den Kraftstoffpreis nie wieder hereinzuholen", sagt Sybille Riepe. "Das ist eine Pilotphase, kein Businessmodell."

Das ISE bemüht sich aus ähnlichen Gründen. "Dahinter steckt ein ganzes Stück Idealismus", sagt Christopher Voglstätter, Leiter der "Power-to-Gas"-Abteilung am ISE. Die Wissenschaftler möchten den Wasserstoffantrieb alltagstauglicher machen, als das mit der institutseigenen Tankstelle möglich ist. Die kann zwar jeder nutzen – sogar gratis. Doch die Anlage komme an ihre Grenzen, heißt es im ISE. "Seit Jahresbeginn spüren wir einen deutlichen Anstieg an Fahrzeugen, die sie nutzen." Dazu kommt, dass sie ab und zu auch mal geschlossen ist, denn als Forschungseinrichtung wird an ihr natürlich immer wieder herumgebastelt.

Schlecht aber wäre, wenn das Wachstum der innovativen Antriebstechnik abgewürgt würde, weil keine zuverlässige Tanke zur Verfügung steht. "Wir wollen vermeiden, dass Kunden Wasserstofffahrzeuge kaufen und dann enttäuscht sind, wenn ihnen nur unsere Anlage mit ihren Einschränkungen zur Verfügung steht", sagt Voglstätter.

Mit Wasserstoff zu fahren, hat gegenüber den Elektrofahrzeugen, die Strom in Batterien speichern, einige Vorteile. Der Tankvorgang dauert nur Minuten, und auch die Reichweite ist ähnlich wie die von Benziner oder Diesel. Zudem belastet die Infrastruktur nicht die Stromnetze, wie es bei vielfrequentierten Ladesäulen der Fall wäre. Dafür sind Autos mit Wasserstoffantrieb derzeit deutlich teurer als die längst in Serien vom Band laufenden Batteriefahrzeuge.

Geht es nach dem Fraunhofer- Institut, soll die Region auf Dauer nicht nur Tankstellen-Standort sein, sondern ein Testgebiet für alle Verwendungen des Energieträgers Wasserstoff: Das ISE hat zusammen mit vielen Partnern einen Förderantrag beim Landesministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft gestellt, nach dem der südliche Oberrhein zum "Wasserstoff-Reallabor" werden soll.