Hallende Gespräche in leerer Halle

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 15. Oktober 2020

Literatur & Vorträge

Der digitalen Frankfurter Buchmesse am heimischen PC zu folgen, ist ein mühsames und vor allem ein einsames Geschäft.

Eigentlich wäre man jetzt in Frankfurt. Am ersten Tag der Buchmesse findet immer auch der legendäre Kritikerempfang in den ehemaligen Räumen des Suhrkamp Verlags in der Klettenbergstraße statt, immer zur selben Uhrzeit, immer mit demselben Ritual: Ein Autor des Verlags, der vor zehn Jahren nach Berlin umgezogen ist, liest aus einem noch unveröffentlichten Manuskript. Das war immer auch eine Brücke zum nächsten Jahr, zur nächsten Buchmesse womöglich.

Ob und wie die nächste Frankfurter Buchmesse stattfindet, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Sagen lässt sich aber, dass die der Pandemie geschuldete digitale "Special Edition" auch nicht annähernd ein Ersatz sein kann für das geballte Aufeinandertreffen von Menschen aus der ganzen Welt, die während der restlichen Zeit im Jahr an einem Produkt arbeiten, das man allein genießen kann, ja muss. Umso wichtiger ist es deshalb dann aber, darüber zu sprechen, bei Lesungen, in Lesekreisen, im Smalltalk, auf Podien – weswegen die Buchmesse das größte und heftigste und leidenschaftlichste kollektive Gespräch der Welt ist.

Die Buchmesse digital aber macht einsam. Und deshalb auch sehr traurig. Sie erschöpft. Und sie macht Kopfschmerzen. Es gibt zwei Sendekanäle, über die fast das gesamte Online-Angebot der Buchmesse läuft: ARD und ZDF, die guten alten Schlachtschiffe des deutschen Fernsehens. In normalen Jahren fungieren sie auf der Buchmesse – auch in ihrer föderalen Struktur – als ein Veranstaltungsanbieter unter vielen: Da gibt es außerdem die Stände der großen Printmedien, und natürlich bieten viele Verlage an ihren Ständen Lesungen an, auf die man ganz zufällig stoßen kann.

Jetzt findet also in der gähnend – man möchte sagen: gespenstisch – leeren Halle mit entsprechendem Mikrofonnachhall die größtmögliche Zentralisierung der Messe statt. Von 10 bis 18 Uhr sendet die ARD im Halbstundentakt moderierte Lesungen und Gespräche. Auch der von der Buchmesse in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik vor Jahren initiierte "Weltempfang" wird in diesem Jahr zwangsweise von dort übertragen: Zwölf kulturpolitische Diskussionen an fünf Tagen zum Großthema "Europa – Kulturen verbinden". Der Impuls am ersten Tag unter der griesgrämigen Moderation von Gert Scobel war schön: Man sollte etwas Sinnliches tun für Europa – einen gemeinsamen Feiertag einrichten.

Der andere mediale Fokus wird aus Berlin zugeschaltet. Aus dem Foyer der Bertelsmann-Stiftung sendet das ZDF zeitgleich mit der ARD die beliebte Buchmessen-Lesungsreihe "Das blaue Sofa": Hier sind es bis Sonntag 73 Autorinnen und Autoren im Zwanzig-Minuten-Rhythmus; dazwischen werden die Glastischchen, auf denen das obligate Wasserglas Platz findet, penibel desinfiziert. Bei der ARD gibt es in protestantischer Askese nur Plastikwasserflaschen auf dem Boden und plastikumwickelte Mikrofone.

Und sonst? Man könnte sich durch das Verzeichnis der 4400 digitalen Aussteller durchklicken: Aber wer würde das freiwillig tun? Man könnte sich über das Programm der unter dem Rubrum "Bookfest" in der Stadt verstreuten Live-Veranstaltungen informieren – ein sehr bunter Strauß zwischen dem "Bericht eines Topmodels" und den Spuren des Dichters Paul Celan in der Ukraine: Aber wem, der nicht in Frankfurt lebt, soll das nutzen?

Dann gibt es noch das Chatformat "Der Hof" – der Name ist angelehnt an den "Frankfurter Hof", jenes Luxushotel in der Mitte der Stadt, das seit je heimliches Geschäfts- und Gesellschaftszentrum der Frankfurter Buchmesse ist – mit Empfängen in diversen Salons, mit Lizenzverhandlungen in Privatsuiten und nächtlichen Treffen an der Bar. Was dafür jetzt täglich über das Netz geht, ist weit weniger attraktiv. Ein in New York sitzender Moderator fordert die versammelte Crowd von 91 Teilnehmerinnen zwar freundlich auf, jetzt – am frühen Abend – einen Drink zu sich zu nehmen, kann aber selbst nur mit einem Glas Wasser dienen. Dafür grüßen Editionsmenschen aus Liverpool und Mainz, fünf Minuten Atemübungen sind auch dabei, und man lernt kurz die New Yorker Verlegerin Amy Hundley kennen, eine freundliche Person mit einem knallorangenen Lippenstift. Hi Amy, see you next year, perhaps.

Bei den Öffentlich-Rechtlichen spricht man inzwischen schon von der ARD-Buchmesse. Recht so. Arte etwa macht Reklame für seinen verdienstvollen Programmschwerpunkt im Herbst "Es wird Zeit!" Immerhin bemüht man sich redlich um ein populäres, nicht anbiederndes Programm zwischen Literatur und gesellschaftspolitisch relevanten Sachbuchthemen. Aber wer will und kann dafür stundenlang vor dem Monitor hocken? Einen lustigen Moment gab es beim Gespräch zwischen Denis Scheck und Judith Zander. Als der TV-Moderator ("Druckfrisch") die Autorin fragte, wie es für sie sei jetzt auf der Buchmesse, meinte sie: Eigentlich besser als im Vorjahr. Da seien für ihr vorpommersches Gemüt viel zu viele Leute gewesen. Selbst dem gewieften Profi verschlug es da für einen Augenblick die Sprache.

Freier Zugang über: http://www.buchmesse.de