Rheinfelden / Grenzach-Wyhlen

Zwei junge Booker holen Metalbands an den Hochrhein

Boris Burkhardt

Von Boris Burkhardt

Fr, 27. Dezember 2019 um 11:59 Uhr

Rock & Pop

Der Sonntag Zwei Metaller aus Rheinfelden und Grenzach-Wyhlen organisieren Metalkonzerte im Landkreis Lörrach – und laden dazu Bands aus halb Europa ein.

Im Lied "I Don’t Like Metal… I Love It" der Erlanger Blödel-Metaller J.B.O. geht es darum, wie das Lyrische Ich in völlig unerwarteten Situationen Metalfans begegnet, so zum Beispiel auf dem Ordnungsamt bei der Beantragung einer Genehmigung für eine Metalparty. Für Josh Krebs (26) aus Rheinfelden und Jonathan Währer (24) aus Grenzach-Wyhlen hat sich diese Metaller-Utopie bewahrheitet, zumindest in Lörrach und Rheinfelden, wo sie in Kooperation mit den Jugendreferaten regelmäßige Metalkonzerte organisieren.

Zusammen mit dem zehn Jahre älteren Gründer Christian Mehlin aus Basel führen sie die Buchungsagentur Tersicore, die ihren Ursprung 2010 in der damals besetzten Villa Rosenau im Basler St.-Johann-Quartier hat. Ihre Arbeit ist wie fast alles in der regionalen Metalszene ehrenamtlich. Das Ziel ist die Vernetzung der Metalbands im Landkreis Lörrach und in Basel untereinander und mit Bands aus anderen Regionen Deutschlands und Europas: Die Auswärtigen spielen hier, die hiesigen Bands spielen dort.

Größtenteils unbemerkt vom Mainstream führt die große Metalszene im Landkreis und in Basel ein äußerst vitales Dasein; Krebs setzt die zehn bis 15 Bands im Landkreis mit 150 bis 400 Zuhörern pro Konzert ins Verhältnis zu einer Großstadt wie München: "Dort ist man froh, wenn 50 Leute zu einem Konzert kommen." Und: Aus dem Landkreis stammen Bands, die sich europaweit einen Namen in der Szene gemacht haben, beispielsweise "Destruction" aus Weil am Rhein oder "Firtan" und "Gutrectomy" aus Lörrach. Das Festival "Baden im Blut", das dieses Jahr zum 15. Mal im Grüttpark in Lörrach stattfand, wird ebenfalls ehrenamtlich vom Verein Metal Maniacs organisiert und zieht bis zu 3 000 Besucher zwischen 16 und 50 Jahren an.

Laut Währer ist die Szene schon lange dem Untergrund entstiegen, bleibt aber fern von einer Kommerzialisierung noch authentisch. Tersicore Booking ist nicht das einzige Netzwerk dieser Art in der Region: So kommt es, dass jedes Wochenende im Jahr manchmal sogar mehr als ein Konzert in der Region stattfindet, wie Währer und Krebs berichten: "Das ist eine richtige Gig-Inflation." Es sei einerseits gut, dass die Szene so erhalten bleibe, negativ sei jedoch, dass "wir uns gegenseitig die Zuhörer wegnehmen".

Szene begegnet immer wieder Vorurteilen

Tersicore vermittelt Auftritte hauptsächlich im "Café Irrlicht" in Schopfheim und im "Sternen" in Auggen und, in Zusammenarbeit mit den Jugendreferaten in Rheinfelden, im Jugendraum "Tutti Kiesi" und auf der Freiluftbühne Vacono-Dome sowie in Lörrach im Jugendraum in Tumringen. Für diese Zusammenarbeit sind Krebs und Währer sehr dankbar – denn bei weitem nicht alle Ordnungsämter seien so aufgeschlossen.

Oft begegnen den beiden Vorurteile gegen ihre Szene, von unbedarften Menschen, die von der Aggression vieler Metal-Stücke auf das Verhalten der Fans schließen. Dabei gebe es keine friedlichere Musikszene als die der Metaller. Krebs spricht nicht nur aus eigener Erfahrung. Auch erfahrene Security-Mitarbeiter hätten ihm dies bestätigt. "Schlagerkonzerte haben es bei den Behörden einfacher", meint Währer – dabei gebe es auf solchen Festen immer wieder Schlägereien. Krebs wäre schon über etwas mehr Ehrlichkeit froh: Er habe schon erlebt, dass ihm Metalkonzerte aus Sicherheitsgründen abgesagt worden seien, während wenig später am selben Ort eine Veranstaltung mit mehr Besuchern stattgefunden habe.

Krebs und Währer singen auch selbst in Bands, Krebs seit sechs Jahren bei der Deathcore-Band "Impact of Theia", benannt nach dem hypothetischen Protoplaneten, der vor Jahrmilliarden mit der Erde kollidiert sein soll und so den Mond erschaffen hat. Seit 20 Jahren spielt Krebs außerdem Schlagzeug, bei "Impact of Theia" ist er aber vor allem für die Liedtexte zuständig. Diese beschäftigten sich vor allem mit Sozialkritik, "mal durch die Blume, mal hart und ehrlich". Beruflich arbeitet er als Kaufmann im Einzelhandel. Währer studiert in Villingen-Schwenningen "Molekulare und Technische Medizin" und stand schon mit 14 Jahren erstmals auf der Bühne. Er singt in zwei Bands: "Heritage of Unrest", die er dem Metalcore zuordnet, mit ebenfalls sozialkritischen Texten. "I Cut Out Your Name" bezeichnet er als "depressiven Metal/Hardcore" – "eher eine Selbsthilfegruppe als eine Band", die sehr Ich-bezogene Probleme anspreche.

Währer begeistert an der Arbeit mit Tersicore vor allem, "dass die Bands das alles für die Szene und für andere Bands machen, nicht nur für sich selbst". Um die vitale Szene im Landkreis aufrechtzuerhalten, sei es "wichtig, dass weiterhin Bands von auswärts hierherkommen". Krebs schätzt den Austausch mit Bands aus Italien, Frankreich, Ungarn und Österreich sehr: "Wir übernachten beieinander und lernen uns so kennen. Das macht die Welt ein bisschen kleiner und holt sie ins Wohnzimmer." So sei es ihm passiert, dass er in einem Café in Budapest einem Unbekannten begegnet sei, der ein Hemd seiner Band getragen habe – "das größte Kompliment für einen Musiker", erklärt Währer.