Heimatverlust

Martin Schwickert

Von Martin Schwickert

Mo, 21. Februar 2022

Kino

NEU IM KINO: In "Das Mädchen mit den goldenen Händen" brilliert Corinna Harfouch in einer vielschichtigen Rolle.

Noch einmal tief durchatmen. Dann dreht sich Gudrun (Corinna Harfouch) um und stößt mit beiden Händen die Flügeltür zum Saal auf. Es ist ihr 60. Geburtstag. Sie hat an alles gedacht und seit Tagen den Raum im alten Herrenhaus hergerichtet. Und nun sind alle da und singen. Das ganze Dorf. Jeder kennt hier jede und alle kennen Gudrun. Die Stimmung ist gut. Dann platzt die Bombe. Was alle bis auf Gudrun wissen: Das Haus, in dem sie gerade feiern, soll an eine Investorengruppe verkauft und in ein Fünf-Sterne-Hotel umgebaut werden.

Zu DDR-Zeiten wurde das herrschaftliche Gebäude als Kinderheim genutzt. Gudrun ist dort aufgewachsen und die baufällige Villa ist eine Ersatzerinnerung für das elterliche Zuhause, das sie nie hatte. Ein integraler Bestandteil ihrer Identität und – wie sie zu wissen glaubt – der ganzen Dorfgemeinschaft. Dass die meisten hier das anders sehen, kann und will Gudrun nicht verstehen. Für die willensstarke Mathematiklehrerin ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten immer noch die Gerade, auch wenn sie dafür mit dem Kopf durch die Wand muss.

In ihrem beachtlichen Regiedebüt "Das Mädchen mit den goldenen Händen" reist die Schauspielerin Katharina Marie Schubert zurück in eine Zeit, die nur selten im deutschen Kino beleuchtet wird. Man schreibt das Jahr 1999 in der brandenburgischen Provinz. Die Hoffnungen und Utopien der frühen Wendejahre sind endgültig verflogen. Die Jugend wandert ab. Die letzten denkmalgeschützten Immobilien werden für einen symbolischen Preis von einer D-Mark verschachert. Dass damit ein Stück Heimat und Selbstwertgefühl verloren gehen – das spürt Gudrun stärker als andere.

Aber Schuberts Film ist weit mehr als das Zeitreiseporträt eines Nach-Wende-Opfers. So sehr sich in der Protagonistin auch die Verlustgefühle einer Ära bündeln, wird diese nicht als Prototyp instrumentalisiert. Denn "Das Mädchen mit den goldenen Händen" zeichnet ebenso intensiv das Bild einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung. Im zweiten Akt wird der Fokus auf Lara (Birte Schnöink) gerichtet, die aus dem provinziellen Nest nach Berlin geflüchtet ist, aber als junge Erwachsene immer noch verzweifelt um die Aufmerksamkeit der Mutter ringt. Aber die Mutter packt nicht einmal das Geschenk der Tochter aus, ohne zu ahnen, dass sich unter dem Papier Laras erster veröffentlichter Roman befindet.

Gudrun ist eine beherzte Pragmatikerin, aber sie hat keine Ahnung, wie sie eine mütterliche Liebe weitergeben soll, die sie selbst nie erfahren hat. Corinna Harfouch ist großartig in dieser vielschichtigen Rolle: Widerborstig, übergriffig, stark, stolz, zerbrechlich, unsympathisch, liebenswert – und das alles auf einmal.

"Das Mädchen mit den goldenen Händen" (Regie: Katharina Marie Schubert) läuft in Freiburg. Ab 12.