Brandserie

Wie Herbolzheim damit umgeht, dass dort fast jeder den Brandstifter kennt

Michael Haberer

Von Michael Haberer

Mo, 05. August 2019 um 10:50 Uhr

Herbolzheim

Der Sonntag In Herbolzheim herrscht Bestürzung – denn der Brandstifter gehört zur örtlichen Feuerwehr. Er hat neun Scheunenbrände gestanden. Die Polizei schätzt den Schaden auf rund eine Million Euro.

Die Serie von Scheunenbränden in Herbolzheim und Ringsheim hielt über Wochen Einwohner und Polizei in Atem. Am Mittwoch präsentierte die Polizei einen jungen Feuerwehrmann aus Herbolzheim als Tatverdächtigen.

"Ich würde den Kerle schütteln", sagt eine Frau aus dem Herbolzheimer Stadtteil Broggingen. Sie hat ihr letztes Treffen mit dem jungen Feuerwehrmann und Fußballspieler noch genau vor Augen. Die Leviten hätte sie ihm gelesen, wenn sie sich hätte vorstellen können, was im Kopf des jungen Mannes vorging. Aber es sei ihm nichts anzumerken gewesen, berichtet sie. Die Frau kauft am Donnerstag am Wurststand von Clemens Schätzle, Metzgermeister und stellvertretender Bürgermeister von Herbolzheim, nahe dem Rathaus in Broggingen ein. Alle hier wissen, wer der Tatverdächtige ist.

Jeder kennt seine Eltern und seine Verwandten. Die Eltern wohnen zwar in Herbolzheim, in der Nähe der dort abgebrannten Scheunen, aber die Familie des Tatverdächtigen ist auch in der Brogginger Vereinswelt aktiv.

Bürgermeister warnt vor Hass und Ausgrenzung

Es sind Menschen, die sich in das Gemeindeleben einbringen. Am Wurststand macht man sich Gedanken, wie die Eltern die Taten ihres Sohnes und die öffentliche Aufmerksamkeit wegstecken. Es falle ihnen schwer, sind sich alle einig. "Uns ist es ein großes Anliegen, dass nicht die gesamte Familie und die Freunde des mutmaßlichen Täters mitverantwortlich gemacht oder gar in der Öffentlichkeit mitverurteilt werden", hatte Bürgermeister Thomas Gedemer in der Pressekonferenz zur Verhaftung des 20-jährigen Herbolzheimers am Mittwoch in Freiburg gesagt. Hass und Ausgrenzung würden nicht weiterhelfen. "Sie leiden schon genug unter den Geschehnissen und können es selbst nicht glauben", so Gedemer.

Bei aller Erleichterung, dass das Unwesen nun ein Ende hat, bereitet es dem Rathauschef wie auch seinem Stadtbrandmeister Martin Hämmerle Sorge, einen Brandstifter in den eigenen Reihen gehabt zu haben. Das wäre allerdings keine Herbolzheimer Besonderheit. Bereits Anfang Juli hatte Peter Egetemaier, Leiter der Kriminalpolizei Freiburg, im Herbolzheimer Gemeinderat berichtet, eine Hypothese der Ermittlungen in solchen Fällen sei, dass ein Mitglied der Feuerwehr verantwortlich ist. Freilich war bereits am 18. Juni ein anonymer Hinweis auf den Tatverdächtigen bei der Polizei eingegangen, wie Nico Schuster, Leiter der 29-köpfigen Ermittlungsgruppe "Scheune", am Mittwoch erklärte.

Freiburg hat ein Konzept aufgestellt, um Brandstifter aus den eigenen Reihen zu erkennen

Erfahrungen mit Serienbrandstiftern in den eigenen Reihen hat auch die Freiburger Feuerwehr in mindestens zwei Fällen.Inzwischen wurde ein "Säulenmodell" entwickelt, wie mögliche Brandstifter unter Feuerwehrleuten erkannt und die Taten verhindert werden können. "Davon kann auch das Umland profitieren", sagt Philipp Golecki, stellvertretender Leiter des Brand- und Katastrophenschutzamtes in Freiburg. Dieses Präventionskonzept ist für Christian Leiberich, Kreisbrandmeister in Emmendingen, Neuland. Bei der nächsten Kommandantenbesprechung werde es vorgestellt, kündigte er an.

Die Feuerwehr habe jetzt erst einmal mit dem "ideellen Schaden" durch den Tatverdächtigen, der seit der Jugendfeuerwehr mit dabei ist, zu kämpfen, betonte Bürgermeister Gedemer am Mittwoch. Am Wurststand in Broggingen sind sich alle einig, dass man sich auf die Herbolzheimer Feuerwehr verlassen kann. Von der Polizeiarbeit sind die Anwesenden ebenfalls überzeugt. Eine Broggingerin erzählt, wie der Hubschrauber kreiste und sie nachts die Polizeistreifen in Uniform und Zivil gesehen habe. Ihr Gatte habe sie angesprochen, weil ihm das Fahrzeug der Zivilfahnder seltsam vorgekommen sei. Die Beamten hätten ihn bestärkt, weiterhin aufmerksam zu sein.

Seit der Jugendfeuerwehr war er dabei

Dieses "Präsenzkonzept" sei ein wichtiger Teil der Polizeiarbeit gewesen, erklärte Polizeivizepräsident Matthias Zeiser am Mittwoch und nannte Prävention und Sicherheitsgefühl der Bevölkerung als zentrale Aufgaben. Insgesamt sprach Zeiser von einer kriminalistisch hervorragenden Arbeit der Ermittlungsgruppe "Scheune". Rund 400 Hinweisen aus der Bevölkerung seien die Beamten nachgegangen. Nach dem ersten Hinweis auf den Tatverdächtigen habe man den 20-jährigen Feuerwehrmann auch mit verdeckten Maßnahmen eingekreist, berichtete Nico Schuster.

Am 25. Juli sei er dann festgenommen worden – und habe alles abgestritten. Weil die Indizien nicht für einen dringenden Tatverdacht reichten, wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt. Bei der zweiten Vernehmung am 29. Juli habe er dann gestanden, so der Leiter der Ermittlungsgruppe. Eine Haftrichterin ordnete wegen Flucht- und Wiederholungsgefahr die Haft an. Zu den Motiven des jungen Mannes, der auch beim Löschen der meisten Scheunenbrände mit dabei war, wollten die Verantwortlichen keine Auskunft geben.

Ein großes Thema sind an diesem Tag in Broggingen auch die Geschädigten der Brandserie. Die Stadt hat einen Hilfsfonds aufgelegt, der einspringt, wo die Versicherungen nicht zahlen. Inzwischen seien rund 30.000 Euro an Spenden zusammengekommen, sagt Bürgermeister Gedemer, der am Wurststand eine kurze Pause von seiner Bürgersprechstunde im Rathaus des Stadtteils macht.

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