Tag der deutschen Sprache

Heute ist der Tag der deutschen Sprache – was macht sie so schwer, aber auch schön?

Manfred Frietsch, Nina Herrmann & Markus Zimmermann

Von Manfred Frietsch, Nina Herrmann & Markus Zimmermann

Sa, 11. September 2021 um 13:30 Uhr

Horben

Wie erleben eine Schülerin, ein Deutschlehrer und eine Dozentin für Deutsch als Fremdsprache den Umgang mit der deutschen Sprache?

Seit 2001 gibt es den Tag der deutschen Sprache, in diesem Jahr am heutigen 11. September. Der Verein Deutsche Sprache verfolgt mit dem Aktionstag das Ziel, die Schönheit der deutschen Sprache in Erinnerung zu rufen, vom unkritischen Gebrauch von Fremdwörtern oder englischen Ausdrücken abzuraten und das Sprachbewusstsein der Bevölkerung zu schärfen. Die Breisgau-Redaktion hat eine Schülerin, einen Deutschlehrer und eine Dozentin für Deutsch als Fremdsprache danach gefragt, was für sie die deutsche Sprache bedeutet.

Thomas Malkowski

"Ich bin seit 2004 Deutschlehrer. In dieser Zeit hat sich die deutsche Sprache entwickelt", erklärt Thomas Malkowski. Für den 45-Jährigen ist das ein ganz normaler Prozess. "Erkennbar ist eine Veränderung in der Quantität und in der Qualität", den er auch auf den Medienkonsum zurückführt. Es würden vermehrt Abkürzungen genutzt, die Syntax habe sich verändert und es schlichen sich mehr Fehler ein – auch in den Printmedien. Es sei deutlich erkennbar, dass da vielfach die Korrekturabteilungen abgeschafft wurde.

"Heute reicht es, zu schreiben ’die Sonne geht unter’ anstatt darüber einen zweiseitigen Thomas-Mann-Text, was wir Deutschlehrer ja so lieben, zu verfassen", so der Lehrer am Erasmus-Gymnasium in Denzlingen. Erkennbar ist für ihn, dass Schriftsprache im Vergleich zur Bildsprache zunehmend in eine untergeordnete Rolle kommt. Instagram und TikTok seien beispielhaft dafür.

"Ich bin ein Deutschlehrer, dem es wichtiger ist, dass gelesen wird, als was gelesen wird." Thomas Malkowski

"Mit dem Begriff einer literarischen Leitkultur habe ich meine Probleme", so Malkowski. Er spricht lieber von einem Literaturkanon. Gute Literatur sind für ihn die Werke, die "Verstand und Gefühle bilden". Für manche seien das Schillers "Räuber", Goethes "Faust", für andere Bücher von Sibylle Berg oder Juli Zeh. Wesentlich ist für ihn beim Lesen, "dass ich mit dem Kopf in eine andere Welt eintauche, der Realität entfliehe. Wem das gelingt, der hat was davon", betont er. Wenn dies mit Comics oder Mangas möglich wird, könne es auch spannend sein.

"Ich bin ein Deutschlehrer, dem es wichtiger ist, dass gelesen wird, als was gelesen wird." Bewerten liege ihm fern. Seine Ansprüche an Sprache und Literatur seien seine ganz eigenen und sicher nicht die der Jugend, aber auch nicht die des Bildungsbürgertums der 1960er und 70er-Jahre.

Mathilde Sladek

Die Suche nach dem mächtigsten Zauberwort ist das Thema von Mathilde Sladeks Kurzgeschichte. Ihre Protagonistin, eine Schülerin auf einer Zauberschule, soll das Wort finden, mit dessen Hilfe sich alle Türen öffnen lassen. Mit ihrer Kurzgeschichte hat die neunjährige Mathilde den zweiten Platz in der Altersgruppe der Dritt- und Viertklässler im Schreibwettbewerb "Schöne deutsche Sprache" der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft belegt. Die Vereinigung aus Köthen/Anhalt widmet sich seit 2007 der Pflege der deutschen Sprache.

Sprache generell hat es der Viertklässlerin aus Horben angetan. An ihrem großen Wortschatz arbeitet sie aktiv: Stößt sie im Alltag auf ihr unbekannte Wörter, schlägt sie die Definition im Wörterbuch nach und schreibt sie in ein Vokabelheft. Schon in der zweiten Klasse hat sie ihre ersten Geschichten geschrieben. "Es fällt mir leicht, Geschichten zu schreiben, wenn ich sie erfinden darf und schreiben kann, was ich will", sagt sie. Etwa einen Monat habe sie gebraucht, um die zehnseitige handschriftlich geschriebene Geschichte über das Zauberwort zu verfassen. Es ist ihre bislang längste.

Sie selbst liest vor allem gern Geschichten, die von Anfang an spannend sind, – solche schreibt sie dann auch gern selber. Ihr Lieblingsbuch ist "Herr der Diebe" von Cornelia Funke, aber auch Politik und Tiere interessieren sie. Später möchte sie Schriftstellerin oder Journalistin werden.

Rosemarie Bär

Die Redewendung "deutsche Sprache – schwere Sprache" hat ihre Berechtigung. Rosemarie Bär weiß aus ihrer gut 25-jährigen Dozententätigkeit für Deutsch als Fremdsprache dafür genügend Belege. Zum Beispiel, dass Adjektive immer mit den Hauptwörtern mitdekliniert werden, mit vielen wechselnden Endungen. Das bereite Deutschschülern Probleme. Und die drei Artikel und Geschlechter der deutschen Sprache, "das ist für viele ganz schrecklich", sagt die Eichstetterin.

Da sie bei ihren Volkshochschulkursen auch Schriftdeutsch vermittelt, kennt sie auch die Nöte – nicht nur von Ausländern – welche die Großschreibung mit sich bringt. "Das hätte man mit der Rechtschreibreform abschaffen sollen, andere Sprachen haben das ja auch nicht", findet die ausgebildete Fremdsprachenkorrespondentin. Auch der Satzbau, der oft das Prädikat ganz ans Ende eines Satzes setze, bereite Deutsch Lernenden viel Mühe. Darum verdiene auch jeder Respekt und Wertschätzung, der sich darin abstrampele, auch schon in der Anfängerstufe A1.

In ihren Lerngruppen trifft die Dozentin oft auf Teilnehmer mit ganz verschiedener sprachlicher, kultureller, aber auch sozialer Herkunft. Da sitzen Koreaner oder Japaner mit Hochschulreife neben Migranten aus Westafrika und Arbeitern aus Osteuropa. Besonders schwer, so ihre Erfahrung, tun sich Afrikaner, zumal wenn sie wenig formale Bildung mitbringen, etwa im Umgang mit der Schriftsprache. "Ich kenne Gambier, die sprechen fließend Englisch, aber sie können es nicht schreiben." Nicht einfach sei auch, eine adäquate Lernweise zu vermitteln. Es komme sehr darauf an, sich ein Ziel zu setzen, wofür man die Sprache lerne. Gerade dann, wenn man beruflich vorankommen wolle, brauche man mindestens Niveau B2 oder B1.

Mehr als einmal hat Rose Bär auch erlebt, wie insbesondere Frauen aus zugewanderten Familien erst nach vielen Jahren in Deutschland in die Sprachkurse kamen. Wenn die Kinder aus dem Haus seien, würden viele Mütter merken, dass sie mit nur rudimentären Deutschkenntnissen von vielen Lebensbereichen ausgeschlossen bleiben. "Ich sage dann, sie sollen statt nur arabischen oder türkischen Programmen auch deutsche im Fernsehen anschauen", erklärt Bär. Der tägliche Umgang mit der fremden Sprache sei einfach unverzichtbar, wenn man beim Lernen vorankommen wolle.

"Einen Schwaben hört man nach wenigen Worten sofort heraus, auch wenn er Hochdeutsch spricht." Rosemarie Bär


Wenig hält Rosemarie Bär davon, Migranten mit einer Art Primitiv- oder gar Dummdeutsch zu begegnen. Etwa indem man Verben nur im Infinitiv einsetzt. Auch wenn das nichtdeutsche Gegenüber im Redefluss dann solche Fehler mache, solle man als Muttersprachler immer in korrektem Deutsch antworten, in nicht komplizierten, klar betonten Sätzen. Und nicht duzen, das sei einfach nicht wertschätzend. Das Miteinandersprechen sei das A und O, hierauf sollten weder Migranten aus Angst vor Fehlern, noch Deutsche aus Scheu, nicht verstanden zu werden, verzichten. Dialektsprechern rät Rose Bär, sich gegenüber Ausländern um ein halbwegs verständliches Hochdeutsch und gedrosseltes Sprechtempo zu bemühen. Seine Herkunft müsse man deshalb nicht verleugnen, was meist ja auch gar nicht gehe. "Einen Schwaben hört man nach wenigen Worten sofort heraus, auch wenn er Hochdeutsch spricht." Die Eichstetterin, die auch Französisch unterrichtet, lernt selbst immer wieder dazu, wie viele Facetten auch ihre eigene Sprache annehmen kann. Einmal kam eine Frau aus Aserbaidschan in ihren Kurs, die hervorragende Deutschkenntnisse mitbrachte. "In Diktaten machte sie null Fehler, aber wenn sie den Text vorlas, verstand ich erstmal gar nichts", erinnert sich Bär, so völlig eigenwillig sei die Aussprache gewesen.