Hinter der nächsten Hecke

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Di, 24. Mai 2016

Literatur & Vorträge

Verena Reinhardt erfindet den Hummelreiter Friedrich Löwenmaul und blickt in ein winziges Reich.

"Friedrich Löwenmaul stammte aus einer langen, ruhmreichen Ahnenreihe von Hummelreitern. Er selbst war leider das schwarze Schaf der Familie. Er konnte keine Hummeln reiten. Er konnte sie nicht einmal leiden." So staubtrocken porträtiert die 1983 in Wiesbaden geborene Biologin und Punkband-Gitarristin Verena Reinhardt den Helden ihres opulenten Erstlings und erzählt auf über 500 Seiten im launigen Spagat zwischen Spionageroman, Fantasy und Steampunk sein ebenso aberwitziges wie rasantes Abenteuer. Ein Abenteuer, wie es sich der nicht besonders mutige Buchhalter Friedrich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können.

Eines Abends landet eine dicke, sprechende Hummel mit goldenen Streifen auf seinem Balkon, trickst ihn nach allen Regeln der Kunst aus und entführt ihn ins sagenumwobenee Skarnland. Von wegen kleiner Rundflug auf einer harmlosen Hummel! Stattdessen ist dieser Hieronymus Brumsel Meisterspion im Auftrag ihrer Majestät und Friedrich so hin und weg von der bezaubernden Königin Ophrys, dass er sich schon am nächsten Tag mit Brumsel auf geheime Mission in das wilde Nordwärts schicken lässt, um die Pläne der Weißen Fee auszukundschaften. Doch was die beiden auf der Patriotischen Versammlung in der Klapperschlucht, im Gasthaus zur Grünen Grotte oder im Industriemoloch Hammerschlag in Erfahrung bringen, ändert alles: Nicht Nordwärts ist der Aggressor, sondern Ophrys selbst ist vom Größenwahn infiziert und schmiedet ein heimtückisches Komplott, um das Nachbarland zu erobern. Nun gilt es, Verbündete zu finden und mit einem perfekten Plan diesen Krieg zu verhindern!

Spannend von der ersten bis zur letzten Seite, gespickt mit grandiosen Schauplätzen, skurrilen Protagonisten und urkomischen Dialogen treibt Reinhardt ihre Handlung mit immer neuen Zickzackwendungen voran, erzählt mal märchenhaft, mal schnoddrig-frech und bringt mit fantasievollen Details das Kopfkino pausenlos zum Surren. Besonders reizvoll: Ihre Insektenwelt ist so faszinierend vielgestalt und winzig, dass sie unentdeckt hinter der nächsten Gartenhecke liegen könnte. Da agieren Grashüpfer, Mistkäfer, Hornissen, Fruchtfliegen, Maulwurfsgrillen, Ameisen und Feuerwanzen, da schaukeln riesige Städte in den Baumwipfeln, zwielichtige Etablissements sind wie Labyrinthe ins Erdreich gebaut, es gibt Jahrmärkte, Duftstoffmagie und sogar eine Eisenbahn. Vor allem sind Brumsel und Friedrich ein hinreißendes Team: Schlitzohrig, verfressen und mit allen Wassern gewaschen der eine, ein zartbesaiteter, zunehmend über sich selbst hinauswachsender Tüftler der andere. Ein großes Lese- und Vorlesevergnügen, nach dem man so manches, was da krabbelt, fleucht und kreucht, mit ganz anderen Augen sehen wird.

Verena Reinhardt: Der Hummelreiter Friedrich Löwenmaul. Roman. Bilder von Eva Schöffmann-Davidov. Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim Basel 2016. 521 Seiten, 17,95 Euro. Ab 10.