Interview

Historiker Schwendemann über die Deportation der badischen Juden nach Gurs

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

So, 25. Oktober 2020 um 12:01 Uhr

Südwest

Der Sonntag Am vergangenen Donnerstag und Freitag jährte sich die Deportation der badischen Jüdinnen und Juden zum 80. Mal. Ein Gespräch mit dem Historiker Heinrich Schwendemann von der Universität Freiburg.

Die badischen Juden wurden am 22. und 23. Oktober 1940 von der Polizei morgens ohne vorherige Ankündigung aus ihren Wohnungen abgeholt, zu Sammelstellen gebracht und in Züge verfrachtet. 5600 badische und 900 Juden aus der Pfalz und dem Saarland, insgesamt also 6500 Menschen, wurden in neun Zügen ins unbesetzte Südfrankreich des Vichy-Regimes – ins Lager Gurs am Fuße der Pyrenäen – gebracht.

Der Sonntag: Herr Schwendemann, wurden die Deportationen tatsächlich von der Bevölkerung nicht wahrgenommen, wie es unter anderem Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts, wenige Tage danach behauptete?

"Natürlich geschah das vor aller Augen. Das zeigen auch Fotos von jenem Tag aus Lörrach, Kippenheim und Gailingen."


Schwendemann: Natürlich geschah das vor aller Augen. Das zeigen auch Fotos von jenem Tag aus Lörrach, Kippenheim und Gailingen. Von der Gauverwaltung in Karlsruhe ging vorab ein Merkblatt mit dem Vermerk "geheim" an die Polizei, auf dem genau stand, wie alles abzulaufen hatte. Es kann zwar sein, dass einige wenige zuvor einen Hinweis bekamen, aber die große Mehrheit war völlig überrascht. Die Juden hatten nur wenig Zeit zum Packen. Vor dem Verlassen ihrer Wohnungen sollten sie noch Wasser und Gas abstellen.

Der Sonntag: Jeder Jude konnte nur 100 Reichsmark in bar mitnehmen. Was geschah mit den zurückgelassenen Vermögen?



Schwendemann:
In Freiburg wurden auf einen Schlag 152 Wohnungen frei. Gegenstände wurden versteigert, die Stadt hat dadurch 370 000 Reichsmark eingenommen. Da haben sich viele die Finger schmutzig gemacht, die sie sich bislang nicht schmutzig gemacht hatten. Das erklärt auch das große Schweigen nach 1945. Das Ganze war eine großangelegte Raubaktion.

Der Sonntag: War das unbesetzte Vichy-Frankreich, in dem Gurs sich befand, in die ganze Aktion eingeweiht?

Schwendemann: Vorab wusste es nichts davon. Erst als die neun Züge mit 6500 Menschen über der Grenze waren, haben die Franzosen es bemerkt. Es ist interessant, wie die Nationalsozialisten das Vichy-Regime getäuscht haben: Nach der Besetzung des Elsass, dessen Verwaltung der badische Gauleiter Robert Wagner übernommen hatte, wurden von dort französische Staatsbürger und elsässische Juden ins unbesetzte Vichy-Frankreich ausgewiesen. Man hat die badischen und saarpfälzischen Juden dabei quasi "untergeschoben".

Der Sonntag: Und wie hat das Vichy-Regime darauf reagiert?

Schwendemann: Es hat protestiert, aber die Deutschen haben darauf gar nicht geantwortet. Man muss aber wissen: Vichy-Frankreich hatte Anfang Oktober 1940, vor den Deportationen, schon scharfe antijüdische Gesetze erlassen, und das nicht auf Veranlassung der Deutschen. Die Konservativen an der Macht waren antisemitisch, die Juden wurden wie bei den Nürnberger Gesetzen rassisch definiert, mussten den öffentlichen Dienst quittieren, die "Entjudung" der Wirtschaft wurde verkündet und die ausländischen Juden in Frankreich sollten nach Möglichkeit interniert werden.

"Etwa 1000 Menschen, vor allem ältere, starben aufgrund der schlimmen Verhältnisse dort im Winter 1940/41."


Der Sonntag: Was passierte mit den 6500 Deportierten in den Zügen?

Schwendemann: Es gab in Gurs schon ein Internierungslager, in dem sich zunächst Spanienkämpfer und seit Kriegsbeginn zeitweise Tausende von deutschen Exilanten befanden, viele davon waren Juden, darunter zeitweise auch Hannah Arendt. Im Herbst 1940 hielten sich dort noch ein paar hundert ausländische Juden auf. Mit den 6500 Juden aus Deutschland war das Lager dann schon überfüllt. Dennoch hat man in den folgenden Wochen noch ein paar Tausend ausländische Juden, die in Frankreich waren, nach Gurs deportiert. Dadurch wurde die Situation noch schlimmer, im November 1940 waren 13.000 Insassen in dem Lager. Etwa 1000 Menschen, vor allem ältere, starben aufgrund der schlimmen Verhältnisse dort im Winter 1940/41. Im Frühjahr ’41 hat die französische Verwaltung Hilfsorganisationen ins Lager gelassen. Das Massensterben, das in der Verantwortung der Franzosen lag, hörte dann auf. Etwa 700 Insassen kamen in der Folgezeit noch aus Gurs raus.

Der Sonntag: Wie gelang ihnen das?

Schwendemann: Manche sind geflohen, zum Beispiel in die Schweiz, andere haben noch Visa – etwa in die USA – bekommen und kamen so offiziell aus dem Lager heraus. Dieses war zwar abgeriegelt, aber es gab auch Unterschiede zu den deutschen Konzentrationslagern: keine Terrorisierung durch die Wachen, keine Häftlingskleidung und keine Zwangsarbeit.

Der Sonntag: Haben die Juden in Baden nicht damit rechnen müssen, dass es so kommen würde, schließlich wurden sie seit 1933 diskriminiert, entrechtet und verfolgt?

Schwendemann: In Freiburg waren die bei Kriegsbeginn in der Stadt befindlichen Juden zumeist alte Leute. Sie wussten nicht mehr, wohin sie überhaupt noch gehen könnten. Ins Ausland zu kommen, war ganz schwierig. Der Freiburger Lederhändler Max Mayer konnte am ersten Kriegstag noch mit seiner Frau im Zug nach Basel fliehen. Die Schweizer haben die Grenze dann zugemacht. Die Eltern des Holocaust-Historikers Saul Friedländer wurden etwa 1942 an der Schweizer Grenze aufgegriffen und von den dortigen Behörden an Vichy-Frankreich ausgeliefert, das sie dann an die Deutschen übergab.

"Bekannt sind Selbstmorde, hier in Freiburg gab es zwei. Ansonsten sahen sich die Menschen hilflos ausgeliefert und gingen mit den Polizeibeamten mit."


Der Sonntag: Wie war für die Juden in Südbaden dieser Tag der Abholung?

Schwendemann: Die Freiburgerin Lili Reckendorf schrieb: "Ich für meinen Teil war zunächst wie gelähmt. Ich dachte nicht an die Sorge für Proviant oder Geld. Ich lief wie geschlagen von einem Zimmer zum andern, immer den Blick auf die heimatlichen Berge, wie um alles noch einmal zu trinken: vom Münster ganz links über Schlossberg – Rosskopf – Brombergkopf bis zum Schauinslandgipfel rechts. Was sollte ich packen? Noch fehlten die Direktiven..." Das spricht für sich.

Der Sonntag: Gab es Fluchtversuche?

Schwendemann: In Einzelfällen kann es das gegeben haben. Bekannt sind Selbstmorde, hier in Freiburg gab es zwei. Ansonsten sahen sich die Menschen hilflos ausgeliefert und gingen mit den Polizeibeamten mit.

Der Sonntag: Was war das Ziel der Nazis? "Judenfreie" Kommunen?

Schwendemann: Es gab keine zentral gelenkte "Judenpolitik" im Deutschen Reich, es waren sehr viele beteiligt bis hin zum Caféhausbesitzer, der ein Schild "Keine Juden" im Fenster hängen hatte. Seit 1933 war ein permanenter Radikalisierungsprozess im Gange, der dann in den Massenmord mündete.

"Mit der Niederlage Frankreichs kam dann die Idee von Antisemiten aus dem 19. Jahrhundert auf, alle Juden in die französische Kolonie Madagaskar zu bringen."


Der Sonntag: Wie sah die "Judenpolitik" aus?

Schwendemann: Ab 1938 setzte man verstärkt auf "Austreibung" mittels vieler Verordnungen. Etwa 120.000 bis 130.000 Juden gelang es zwischen Reichspogromnacht und Kriegsbeginn noch, aus dem deutschen Machtbereich herauszukommen. Danach waren die Möglichkeiten zur Ausreise begrenzt. Inzwischen hatte sich das NS-Regime ein neues "Problem" geschaffen: Plötzlich waren zwei Millionen polnische Juden unter deutscher Herrschaft. Es gab zunächst Pläne, sie alle ins sogenannte Generalgouvernement abzuschieben. Adolf Eichmann kam auf die Idee, ein Judenreservat bei Lublin in Polen einzurichten, das war der sogenannte Nisko-Plan (benannt nach einer polnischen Stadt im Karpatenvorland, die Red.). Man hat dann im Frühjahr 1940 die ersten Juden aus Wien dorthin deportiert, es war völlig chaotisch und hat nicht funktioniert. Mit der Niederlage Frankreichs kam dann die Idee von Antisemiten aus dem 19. Jahrhundert auf, alle Juden in die französische Kolonie Madagaskar zu bringen.

Der Sonntag: Auf eine Insel vor der Ostküste Afrikas?

Schwendemann: Man dachte, dass England Frieden schließen und ab Herbst 1940 dann die Seewege dorthin frei sein würden. Madagaskar galt für Europäer als sehr ungesund, das war alles andere als eine Siedlungskolonie. Man dachte, dass die Juden dort auf "natürliche Weise" dezimiert würden. Das war die "territoriale Endlösung", wie Reinhard Heydrich es nannte. Es folgte als nächste Stufe im Frühjahr 1941 der Generalplan Ost: Die Juden sollten in den Ural abgeschoben werden, um sie dort umkommen zu lassen. Ab Sommer 1941 kam es schließlich zur physischen "Endlösung", also zum Massenmord.

Der Sonntag: Wer wer verantwortlich für die Deportationen im Herbst 1940?

Schwendemann: Das war die Initiative der Gauleiter aus Baden, Robert Wagner, und der Saarpfalz, Josef Bürckel. Beide waren Ende September 1940 eigens bei Hitler, der ihnen freie Hand gab. Als Nächstes sollten die Juden aus Hessen deportiert werden, aber wegen der Proteste von Vichy-Frankreich hat man davon abgesehen.

Der Sonntag: Wie viele der 5600 Deportierten aus Baden haben überlebt?

Schwendemann: 860 sind in Gurs verstorben, 660 in anderen Lagern, in die sie von Gurs aus gebracht wurden. 620 konnten nach Übersee auswandern, 680 überlebten in Frankreich oder anderen Ländern. Die Deportationen von Gurs nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager fanden im Sommer/Herbst 1942 und im Frühjahr 1943 statt, insgesamt 2250 badische Juden wurden dort ermordet, rund 500 Schicksale sind unbekannt.

Der Sonntag: Hätte das unbesetzte Vichy-Frankreich Nein zu den Deportationen nach Auschwitz sagen können?

Schwendemann: Ja, schon. Bei den Deportationen nach Auschwitz hat die Vichy-Polizei mitgeholfen, im Herbst ’42 war Vichy-Frankreich ja noch nicht von der Wehrmacht besetzt. Es bewahrte nur die Juden mit französischer Staatsbürgerschaft vor den Deportationen.

Der Sonntag: Gab es nach Oktober 1940 noch Juden in Südbaden?

Schwendemann: Es verblieben nur noch die Juden in "privilegierten Mischehen", die Nicht-Transportfähigen und badische Juden, die am 22. und 23. Oktober gerade nicht vor Ort gewesen waren. Um die 800 Juden lebten noch in Baden. Aus Freiburg wurden die letzten 1942 deportiert, die allerletzten in "privilegierter Mischehe" im Februar 1945 ins KZ Theresienstadt. Und es gab einige wenige, die untergetaucht waren, so wie Lotte Paepcke, die sich bis Kriegsende im Kloster in Stegen versteckte.