Homeoffice im Wald

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 14. Juni 2020

Mountainbike

Die Mountainbiker des Teams Lexware in Kirchzarten.

Während die meisten Sportler aufgrund der Kontaktbeschränkungen zur Untätigkeit gezwungen waren, konnten Mountainbiker im Wald ihr normales Programm fahren. Wettkämpfe wurden aber auch hier abgesagt. Zu Besuch bei den Kirchzartener Radspezialisten.

Luca Schwarzbauer erwischt man am frühen Dienstagabend auf der Rolle. Zur Rolle haben Mountainbiker ein zwiespältiges Verhältnis. Sie ist so etwas wie der verhasste Dauerlauf der Fußballer. Auf der Rolle spannt man ein Rad auf, damit man in den eigenen vier Wänden trainieren kann, falls draußen das Wetter nicht mitspielt. Das Hinterrad schwebt dann in der Luft. Man tritt quasi ins Leere. Kilometer schrubben, ohne vorwärts zu kommen.

Luca Schwarzbauer hat Chancen auf Tokio 2021

"Gestern hatte ich Ruhetag", sagt Schwarzbauer, "deshalb fahre ich heute eine gemütliche Runde." Seit zwei Stunden sitzt er im Sattel, bei im Schnitt 208 Watt. Der 23-Jährige ist Teil des Nationalkaders. Er wohnt in Nürtingen nahe Stuttgart, startet aber für das Lexware-Team in Kirchzarten und verbringt deshalb mehrere Tage im Monat in Freiburg. Schwarzbauer startet als Bundesliga-Fahrer vor allem im sogenannten Cross-Country – der einzigen Mountainbike-Disziplin, die seit 1996 olympisch ist. Marathon- oder Downhill-Rennen werden nicht bei Olympia ausgetragen.

Für die Olympischen Spiele kann man sich auf mehrere Arten qualifizieren. Entweder man schafft die A-Norm, eine Top-Qualifizierung bei einem Weltcuprennen, oder man qualifiziert sich durch zwei sogenannte B-Normen, Platz 11 bis 20 bei einem Weltcup. Mit seinen 23 Jahren ist Schwarzbauer ein Jungspund. Und doch hat er schon einmal die B-Norm geschafft. Er sagt: "Die Corona-Pause und Olympiaverschiebung kommt für mich eigentlich sogar gelegen." Anstatt Rennen zu fahren, hat er in den letzten Wochen hart trainiert. Während Fußballer zu Hause bleiben mussten, durften Mountainbiker aufs Rad. Homeoffice im Wald. "Ich habe quasi ein Jahr fürs Training gewonnen", sagt Schwarzbauer. Trotzdem wird es eng werden für Olympia. Denn das deutsche Team hat nur zwei Plätze für die Sommerspiele 2021 in Tokio. Und das auch nur, wenn sich die Nationalmannschaft in den Top 7 der Weltcupwertung hält wie bisher.

Es gibt Kandidaten, die sich bessere Chancen ausrechnen können. Zum Beispiel Schwarzbauers Teamkollege Georg Egger. Der 25-jährige Radspezialist, der ebenfalls für die Kirchzartener startet, aber in Würzburg wohnt und trainiert, hat bereits die A-Norm geschafft. "Für mich kam das wettkampffreie Jahr zur richtigen Zeit", sagt Egger. Letztes Jahr ist er Vater geworden. In einem normalen Wettkampfjahr hätte er sein Töchterchen wohl kaum zu Gesicht bekommnen.

Auch Maximilian Brandl hat die A-Norm bereits geschafft. Der 22-Jährige studiert in Freiburg neben seinem Radjob Bio und Mathematik auf Lehramt. Am Dienstagnachmittag hat er gerade mit Teamkollege David List eine Trainingseinheit auf der Crosscountry-Strecke in Kirchzarten absolviert. "Wir haben die regenreichsten Stunden des Tages erwischt", schmunzelt Brandl.

Verschiebung Olympias ist auch eine Chance

Die Olympiaverschiebung sieht auch er als willkommene Trainingschance: "Jetzt habe ich ein Jahr mehr Zeit, um darauf hinzutrainieren", erklärt er dem Sonntag. Auch für Brandl ist die Nominierung noch nicht sicher. Am Ende werden die zwei letzten in die Qualifikation einfließenden Weltcup-Renen kommendes Frühjahr darüber entscheiden, ob Brandl und Egger in Tokio starten dürfen.

Für David List indes wird auch das kommende Jahr zu früh sein. Der 20-Jährige steht am Anfang seiner Karriere. In Furtwangen studiert er Wirtschaftsinformatik – wegen der Corona-Einschränkungen gerade im Homeoffice. "Das ist mir ganz recht, dadurch fällt die ganze Pendelei weg." Und so bleibt auch für den deutschen Jugendmeister von 2015, 2016 und 2017 mehr Zeit, um an sich zu arbeiten. Corona hat allen vier Mountainbikern trainingsreiche Wochen und quasi ein Extrajahr beschert. Trotzdem freuen sie sich, dass es nun voraussichtlich im September wieder mit den Rennen losgeht. "Dafür trainieren wir schließlich", sagt List. Seine drei Kollegen sehen das genauso.