Ich will mich nicht "mitgemeint" fühlen, ich will genannt werden

Anne Haberzettl

Von Anne Haberzettl (Freiburg)

Sa, 13. Februar 2021

Leserbriefe

Die schnelle Replik auf Ihren Leitartikel zum Thema "gendergerechte Sprache" lautet: Selbstverständlich ist es das wert!

Die ausführliche Antwort lautet: Sie haben mit Akribie die Mühsal dargestellt, praktikable Lösungen für ein Jahrzehnte altes Anliegen zu finden. Diese Mühsal hat ja nicht zuletzt mit der Widerborstigkeit zu tun, sich an etwas Ungewohntes zu gewöhnen und flexibel mit Sprache umzugehen. Wer "Dreisam:ufer" sagen kann, kann auch "Politiker:innen" sagen. Trauen Sie das den Menschen nicht zu?

Ich war kürzlich auf einer Fortbildung: Drei sehr kompetente Referentinnen, 13 Teilnehmerinnen und ein Teilnehmer; in den Demo-Videos fast durchweg Therapeutinnen und Patientinnen. Dennoch wurde fast ausschließlich von Therapeuten und Patienten gesprochen. Grammatikalisch korrekt und vom Zeitaufwand her sparsamer, da haben Sie Recht. Aber: Sie übersehen (oder ignorieren?), wie auch viele andere, die unglaubliche Gönnerhaftigkeit und beliebige Auslegbarkeit des generischen Maskulinums.

Diese Aspekte kommen ganz wunderbar im Magazin der gleichen Ausgabe der BZ, im Artikel von Franz Schmider zum Thema des Frauen-Stimmrechts in der Schweiz, zum Ausdruck. Die promovierte Juristin Kempin-Spyri versuchte, sich das Recht zu erstreiten, sich als Anwältin in der Schweiz niederlassen zu können (lesenswert übrigens das Buch "Die Wachsflügelfrau"). In ihrem Fall war sie beim von ihr zitierten generischen Maskulinum in den einschlägigen Gesetzestexten dann doch nicht "mitgemeint"; nein, da wurde der Text schon lieber buchstäblich verstanden. Das war 1887.

Ist die gendergerechte Sprache nicht auch darum ein eher elitäres Anliegen geblieben, weil sich bestimmte Eliten (in die die Quote noch keinen Einzug gehalten hat) standhaft weigern, mutige und kreative Schritte zu tun? Ich fühle mich nicht gemeint, wenn in diesem Sinne grammatikalisch korrekt gesprochen und geschrieben wird. Ich will mich auch nicht "mitgemeint" fühlen, ich will genannt werden – und mit mir unzählige andere Frauen. Deswegen ist es das wert.

Anne Haberzettl, Freiburg