Im April wird die Jubilarin sogar Ur-Uroma

Rosel Kesel

Von Rosel Kesel

Mo, 17. Februar 2020

Offenburg

Nach einem arbeitsreichen Leben, das vor 102 Jahren im Kaiserreich begann, feiert Theresia Leimgruber an diesem Montag Geburtstag .

OFFENBURG. Als Theresia Wehrle am 17. Februar 1918 im Spannpeterhof bei St. Märgen zur Welt kam, hat sich das Ende des Ersten Weltkrieges abgezeichnet: Der deutsche Kaiser Wilhelm II. wird einige Monate später abdanken, das Kaiserreich wird Republik, und am 12. November erlangen Frauen in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht.

Doch für Theresia, die in eine Großfamilie mit 14 Kindern hineingeboren wurde, hatte das keine große Bedeutung. Sie musste hart auf dem elterlichen Hof arbeiten, den Weg zur Schule ging sie im Sommer barfuß, im Winter war er wegen des vielen Schnees äußerst beschwerlich. Ab der dritten Klasse wurde Theresia auf einen anderen Bauernhof gegeben, um sich dort das tägliche Brot zu verdienen.

Bald erkannte sie, dass sie das Leben einer Bäuerin nicht führen wollte. Sie ging nach Freiburg, wo sie zuerst in einem Haushalt arbeitete und dann in der Kinderklinik. Eine Ausbildung konnte sie nicht vorweisen, da sie aber sehr gelehrig war, wurde sie in verschiedenen Abteilungen eingesetzt.

Der Lebenslauf der heute 102-Jährigen ist im Bildband "Omi, erzähl aus Deinem Leben" von Tochter Veronika festgehalten. Sie hat ihre Mutter vor sechs Jahren nach einem Schlaganfall zu sich nach Offenburg geholt. Der Umzug fiel der Seniorin schwer, denn sie lebte gerne in Freiburg, viele schöne Erinnerungen verbinden sie mit der Stadt. Sie vergisst aber auch nicht die schweren Stunden, als Freiburg am 27. November 1944 bombardiert wurde und Tausende Menschen starben. Ihr persönliches Schicksal wurde auch vom Krieg geprägt, der ihr den Verlobten nahm.

Nach dem Angriff auf Freiburg ging Theresia zu ihren Eltern auf den Bauernhof, kehrte aber im Frühjahr wieder nach Freiburg zurück. Sie lernte ihren späteren Ehemann, den Postbeamten August Leimgruber, kennen, der als Witwer Tochter Brigitte mit in die Ehe brachte. Als Veronika zur Welt kam, gab die Mutter ihre Arbeit in der Kinderklinik auf, obwohl sie immer gerne dort gearbeitet hat, aber sie wollte mehr Zeit für ihre beiden Kinder haben.

Wenn man die Seniorin heute nach dem Rezept für ein hohes Alter fragt, überlässt sie die Antwort ihrer Tochter. Sie hört beim Gespräch aufmerksam zu, sitzt, chic angezogen, im bequemen Sessel, doch das Reden fällt ihr schwer. Die Familie habe immer bescheiden gelebt, erzählt Veronika Zittlau, die ihre Mutter liebevoll pflegt. Früher kam gesundes Gemüse aus einem Garten in Freiburg und in Ehrenstetten, der Heimat von August Leimgruber, auf den Tisch, und das wurde meistens mit dem Fahrrad geholt.

Die Tochter kocht jeden Tag für die Mutter. Diese sei nicht wählerisch, auch von Geburt an nicht verwöhnt, aber am liebsten sind ihr Spätzle. Urlaub stand selten auf dem Programm, zweimal war die Familie in Vorarlberg. Die Ehe der Eltern sei glücklich gewesen, regelmäßig ging das Ehepaar, als August Leimgruber in Rente war, zusammen spazieren. Nach dem Tod des Ehemannes 1994 ging Theresia alleine die gewohnte Wegstrecke, sie hielt Kontakt zu den Nachbarn, engagierte sich in der Pfarrei St. Cyriak und machte Krankenbesuche. Die Teilnahme an der sonntäglichen Messe findet nun vor dem Fernseher statt, und einmal im Monat wird die Kommunion von der Pfarrei gebracht.

60 Jahre lang wohnte Theresia Leimgruber in der Freiburger Wiehre, genau so lang bezog sie die Badische Zeitung. Daran hielt sie auch fest, als sie nach Offenburg zog, sie hat weiterhin die Freiburger Ausgabe im Abo. Nach Freiburg würde die Seniorin schon gerne wieder zurück, aber nicht mehr nach St. Märgen. Mutter und Tochter schmunzeln und erklären: "Da ist drei Viertel des Jahres Winter und ein Vierteljahr kalt". Inzwischen gefällt es der 102-Jährigen auch bei der Tochter in Offenburg, und wenn sie nach einem kurzen Ausflug heimkehren, sagt sie: "Jetzt sind wir daheim." Theresia Leimgruber hofft, dass zur Geburtstagsfeier zumindest eine der beiden Schwestern – 93 und 94 Jahre alt – kommen kann. Gratulieren werden mit den Töchtern Brigitte und Veronika sechs Enkelkinder und vier Urenkel – das Fünfte wird erwartet. Und im April wird Theresia Leimgruber zu ihrer großen Freude Ur-Uroma.