Kommentar

Im Familienleben hat sich durch das Coronavirus einiges verschoben

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

Fr, 20. März 2020 um 22:03 Uhr

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Weil die Menschen zu Hause bleiben sollen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, verändert sich auch deren Familienleben. Es unterliegt neuen Regeln, es tun sich aber auch Möglichkeiten auf.

In nicht einmal einer Woche hat Corona das Familienleben umgekrempelt. Das Außen wurde nach innen gestülpt. Die Schulen sind zu, das Sporttraining am Nachmittag entfällt und das Büro der Eltern findet plötzlich auf dem Esszimmertisch statt. Kino, Café, Bücherei – nichts geht mehr. Man ist vor allem zu Hause. Das Zuhause ist aber nicht mehr dasselbe wie vorher. Auch wenn Sofa, Kühlschrank und Bücherregal noch immer am gleichen Platz stehen, hat sich auf den paar Quadratmetern vieles verschoben. Auf dem Spiegel am Eingang hängt seit Kurzem ein Zettel mit der Aufschrift "Unbedingt Hände waschen". Ein bisschen später aufzustehen als sonst ist in Ordnung. Und am Küchentisch werden keine Geschichten mehr aus der Schule erzählt oder Urlaubspläne für die nächsten Ferien gemacht.

Viele Familien schaffen sich neue Sicherheiten

Fürs Plänemachen braucht es Sicherheiten. Und die sind unserer Gesellschaft mit Corona abhandengekommen. Viele Familien schaffen sich darum neue. Sie wollen vor dem Virus sicher sein. Und plötzlich ist da eine Bestimmtheit in der Stimme, die Eltern selbst überraschen dürfte. Wo früher lange hin- und herdiskutiert wurde – ja, nein, vielleicht, lass uns wann anders drüber reden – reicht heute ein bestimmtes "Nein, du triffst dich heute Nachmittag nicht mit deinen Freunden zum Kicken." Und wenn das Kind beim Rolltreppenfahren nur den Handlauf berührt, heißt es "Hand runter".

Auch im Alltäglichen verlangt das auf wenig Raum zusammengeschrumpfte Miteinander nach neuen Absprachen: Weil derzeit – digitales Lernen und Homeoffice machen es möglich – keiner nach dem Frühstück dringend losmuss, macht nicht der, der übrig bleibt (in der Regel ein Elternteil), die Küche. Sondern alle zusammen. Oder man verhandelt: Ihr jetzt, wir am Abend. Und die Eltern staunen, wenn sie feststellen, dass auch Minderjährige die Wäsche aufhängen und die Spülmaschine ausräumen können. Und das nach einmaliger Aufforderung.

"Manchmal braucht es auch ein bisschen inszenierte Idylle, um aus Elternsicht dem Virus etwas entgegenzusetzen."

Corona macht aber vor allem Angst. Auch damit muss Familie umgehen. Gespräche helfen. Manchmal braucht es auch ein bisschen inszenierte Idylle, um aus Elternsicht dem Virus etwas entgegenzusetzen. Ein paar Narzissen auf dem Balkon, ein Stück selbst gebackenen Kuchen auf dem Teller. Dass die Wirklichkeit da draußen eine ganz andere ist als die, die sich zwischen Küche und Sofa abspielt, lässt sich aber höchstens einen kurzen Moment lang verdrängen. Das Smartphone liegt immer griffbereit. Und wenn man nicht selbst die allerneuesten Infektionsstatistiken abfragt, tun es die Kinder. Und jedes Mal die gleiche Botschaft: mehr Corona, mehr Infizierte, mehr Tote.

Das, was normal war, verblasst

Noch ist das Irreale nicht Normalität geworden. Aber mit jedem Tag wird es ein Stück normaler. Und das, was normal war, verblasst. Früher hätte jedenfalls keiner mit dem Ellenbogen die Türklinke des Gemeinschaftskellers heruntergedrückt. Und auf die einfache Frage, wann wir das nächste Mal zu Oma und Opa fahren, hätte es eine einfache Antwort gegeben. An Ostern, so wie jedes Jahr. Auch das ist Corona: Auf viel zu viele Fragen gibt es keine Antwort, heute, aber sehr wahrscheinlich auch in den nächsten Wochen.

Corona lässt aus dem Alltag vieler Familien aber auch ordentlich Luft heraus. In den Zeiten vor Corona war dieser oft bis oben hin vollgestopft mit Aktion. Vokabeltests, Auswärtsspiele, Städtetrips, Kinobesuche, Arzttermine – immer und überall musste noch etwas ein- und dazwischengeschoben werden. Und jetzt tut sich vormittags plötzlich ein Zeitfenster auf, in dem man zusammen in der Sonne sitzt, Pancakes mit Zucker und Zimt isst. Man sitzt – und sitzt noch ein bisschen länger, einfach weil es plötzlich möglich ist. Wäre vielleicht gar nicht schlecht, wenn nach der Krise davon etwas übrigbliebe.
Kontakt zur Autorin: streif@badische-zeitung.de