Im leeren Saal leert sich der Kalender

Nicolai Ernesto Kapitz

Von Nicolai Ernesto Kapitz

Mi, 24. November 2021

Wembach

Wembachs Gemeinderat beschließt in einer kurzfristig ins Internet verlagerten Sitzung die Absage mehrerer Veranstaltungen.

. Auch das Wiesental wird von der Pandemie erneut in den herbstlich-eisigen Griff genommen. Allenthalben hagelt es Veranstaltungsabsagen, die Sorge vor einem neuerlichen Lockdown geht um. Wie sehr die vierte Welle des Coronavirus’ die Menschen auch im Oberen Wiesental in Atem hält, zeigte am Montagabend die Gemeinderatssitzung in Wembach. Zunächst wurde sie in Windeseile zur Hälfte ins Internet verlagert – und dann beschloss der Rat gleich mehrere Absagen.

"Die Zeiten werden verrückter", meinte zu Beginn der Sitzung Bürgermeister Christian Rüscher lakonisch. In einer recht gespenstischen Atmosphäre saß der Rathauschef am Kopfende des Tisches im Saal am Laptop, flankiert von Rolf Berger und Christina Tröndle. Sonst war niemand da. Die übrigen Gemeinderäte hatten es vorgezogen, sich entweder abzumelden oder sich via Videostream zuzuschalten – im Oberen Wiesental, so zeigte sich recht bald, immer noch ein recht kühnes Unterfangen. Ruckler und Aussetzer im Netz sind hier keine Seltenheit, das weiß auch Bürgermeister Rüscher.

Und deswegen war er am Montag besonders gründlich: Bei jedem Tagesordnungspunkt wartete er geduldig einzeln auf die Rückmeldungen von Thomas Merten, Eva Mosbach und Edgar Strohmeier. "Sonst kann es bei dieser netzschwachen Sache passieren", meinte Rüscher, "dass wir drei hier alles beschließen und ihr seid abgehängt."

Der bürgermeisterliche Galgenhumor war bitter nötig, denn schön war der anschließende Tagesordnungspunkt nicht: Es ging um die Auswirkungen der Corona-Krise auf Wembach. Im vergangenen Jahr war die Gemeinde bekanntlich von einem empfindlichen coronabedingten Gewerbesteuerausfall erwischt worden. Das war diesmal zwar – noch – kein Thema, dafür ging es um die allgemeine Lage und die Frage, ob und wie es überhaupt noch Veranstaltungen im Dorf geben kann. "Die Lage", weissagte Rüscher, "spitzt sich zu." Zwar sprächen offizielle Zahlen immer noch von genau null Infizierten in Wembach, "aber ich glaube nicht, dass das stimmt", argwöhnte der Bürgermeister. Und so ging er mit den Räten dies- und jenseits der Internetleitung die Veranstaltungen durch: Die Hauptversammlung der Steinbühlhüpfer hat vor wenigen Tagen noch stattgefunden, doch habe er den Fasnächtlern eindeutig signalisiert, dass der traditionelle Fackellauf zu Neujahr futsch ist, wenn sich die Infektionszahlen nicht deutlich bremsen lassen. Die Hauptversammlung der Feuerwehr wird – wenn überhaupt – online stattfinden und der Seniorennachmittag fällt aus. "Senioren sind eine Risikogruppe", pflichtete Thomas Merten aus den Tiefen des Internets bei. "Es gilt, Kontakte zu vermeiden." Und sollte sich jemand bei einer Veranstaltung in Wembach infizieren, "dann haben wir richtig Galama", befürchtete der Bürgermeister stirnrunzelnd am Ratstisch. Wie um den allgemeinen Absagen-Rausch zu bestätigen, flatterte just in diesem Moment eine E-Mail von Schönaus Bürgermeister Peter Schelshorn auf den Computer seines Wembacher Amtskollegen: Absage der Projektausschusssitzung Verbandswerkhof. Nicht nur in Wembach, sondern im ganzen Wiesental wandert derzeit also der Rotstift durch die Kalender.