Im Strom der Zeit

Stephan Elsemann

Von Stephan Elsemann

So, 25. August 2019

Efringen-Kirchen

Der Sonntag Die Isteiner Schwellen sind gerade im Spätsommer ein Paradies für Freunde des Rheins.

Die Isteiner Schwellen im Altrhein zwischen Efringen und Istein werden von Familien und Nacktbadern, Goldsuchern und Schwulen besucht. Gemeinsam ist allen die Begeisterung für einen einzigartigen Ort, ein Überbleibsel aus der Zeit vor der Rheinregulierung im 19. Jahrhundert.

Die Anreise mit Bahn und Fahrrad ist einfach. Vom Bahnhof Efringen aus gelangt man zu einer Aussichtsplattform direkt an den Schwellen. Auf verblassten Tafeln werden Geschichte und Besonderheiten der Schwellen erläutert. Die Warntafeln am Uferweg sind genau zu beachten. Denn was sich dem Auge als friedliches Nebeneinander aus Kiesbänken und kleinen Wasserläufen darbietet, kann sich in kürzester Zeit in einen reißenden Strom verwandeln. So schnell kann das gehen, dass man vom Handtuch aufspringen und die Flucht ergreifen muss. Wenn es intensiv geregnet hat, wird das Stauwehr oberhalb am Fluss in Märkt bei Weil am Rhein für den Altrhein geöffnet, um die Wassermassen zu kanalisieren, so wie es am vergangenen Dienstag geschehen ist. Doch meist herrscht Niedrigwasser. Und direkt vor der Plattform und links davon suchen vor allem Familien zwischen Kies und Auewald ihren Platz.

Flurina Tanzeglock ist mit ihren drei Kindern und der Oma zum zweiten Mal da. Die kleine Alba, ihre Mutter an der Hand, steht im schnellen Wasser und gluckst vor Vergnügen, und auch für ihre älteren Brüder Noah und Kjell sind die Schwellen ein Ereignis. So viele Frösche auf einmal haben sie noch nie gesehen. Ihr Heimatort Zaessingue im Elsass liegt hinter dem Wald gegenüber und ist nur ein paar Kilometer entfernt, wäre nicht der Rhein im Weg, der für die Familie eine längere Anfahrt und einen Umweg über die Rheininsel bedeutet. Die Besucher der Stromschnellen kommen aus Frankreich, Deutschland und vor allem aus der Schweiz, denn für die Basler ist die Anfahrt nur ein kleiner Ausflug mit dem Fahrrad – 13 Kilometer am Rhein entlang.

Wie in Basel selbst badet man hier im großen Strom und doch ganz in der Natur. Viele Schweizer kommen zum Nacktbaden, wie die meisten anderen auch. Gut eingeölt und selbstverständlich ohne Lichtschutzfaktor wird hier das Ideal einer nahtlosen Sonnenbräune gepflegt. "Gesunde Bräune" hieß das damals, als die Hautärzte noch Höhensonne auf Rezept verschrieben und nicht wie heute davor warnten. Und so sind die meisten der Sonnenanbeter mit der Reptilienhaut auch nicht mehr ganz jung. Man ist per du, man kennt und erkennt sich und trifft sich zum freundlichen Plausch auf deutsch oder französisch.

Marko und Mirka gehören zu den jüngeren Besuchern. Sie kommen aus Rheinfelden und sind hier, wann immer es geht. Die Nacktbadezone beginnt etwas weiter rechts von der Aussichtsplattform und geht über in die Uferbereiche, in denen sich vor allem Schwule begegnen. Ausgerechnet das integrierte Rheinprogramm zur Verbesserung des Hochwasserschutzes hat dafür gesorgt, dass sich die queer community und Familien öfter begegnen, als ihnen zuweilen lieb ist. Denn etwas weiter unten in Richtung Kleinkems wird zurzeit mit Baggern viel Land bewegt, um Platz für Rückhaltebecken bei Hochwasser zu schaffen und abgeschnittene Altrheinarme wieder mit dem Fluss zu verbinden. So verlagerte sich die Schwulenszene von dort etwas näher zum Familienstrand, wie Daniela Britsche, die Ortsvorsteherin von Istein, erläutert. Eine ganz andere Spezies unter den Besuchern hat mit all dem nichts zu tun: die Goldsucher. Sie reisen oft von sehr weit an, so wie Marcel aus Oberfranken. Er verbringt seinen Sommerurlaub hier mit Gattin und Tochter, die sich schon daran gewöhnt haben, dass ihr Urlaub wie zufällig immer an goldhaltigen Flüssen stattfindet. Der Spaß dabei zählt, groß ist die Ausbeute nicht.

Einen Kiosk sucht man an den Schwellen vergebens. Wer vergessen hat, Verpflegung mitzubringen, kann auf dem Rückweg zum Zug in Istein oder Efringen einkehren. Der nur wenig längere Rückweg zum Isteiner Bahnhof lohnt sich, denn der Ort und sein Klotz sind sehenswert. Die Dimensionen des ursprünglichen Rheintals werden auf dem Weg zum Isteiner Klotz erlebbar. Denn bis an den wuchtigen Felsen schwappte das Wasser des ungebändigten Rheins noch bis ins 19. Jahrhundert, bevor Tulla mit der Regulierung begann. Und auf der gesamten Breite links und rechts des Stroms sah es seinerzeit so aus wie heute nur noch an den Schwellen, die zusammen mit dem vom Wasser ausgewaschenen Felsen die letzten Zeugnisse der Zeit sind. Wie schön müsste es sein, auf den Klotz zu steigen und in den Sonnenuntergang im Rheintal zu schauen. Doch die Spitze des Klotzes ist Naturschutzgebiet und leider nicht zugänglich. Ein Spaziergang durch Istein mit seinen verwinkelten Gassen entschädigt dafür.