Im Takt der Realität

epd

Von epd

Di, 06. April 2021

Computer & Medien

Hans W. Geißendörfer, Erfinder der "Lindenstraße", wird 80.

Hans W. Geißendörfer, der am heutigen Dienstag 80 Jahre alt wird, ist als Patron der "Lindenstraße" womöglich einiges erspart geblieben: Die letzte Folge lief vor einem Jahr, "Lindenstraße" unter Corona-Bedingungen musste nicht gedreht werden. Andererseits wird man niemals erfahren, was aus seinem Lebenswerk geworden wäre. Wie hätte sich die Pandemie in diesem TV-Kosmos gespiegelt? In die im Dezember 2019 gedrehte und am 29. März 2020 ausgestrahlte letzte Folge wurde noch ein aktueller Satz hineingeschnitten: "Die Corona-Welle breitet sich in Bayern weiter aus", tönte es im Hintergrund aus dem Radio. Das war’s. Trauriger Schlussakkord einer Fernseh-Pioniertat.

Geißendörfer, der die "Lindenstraße" erfand, und Tochter Hana, die seit 2015 als Produzentin fungierte, hatten "bestürzt" auf das Aus der 1985 gestarteten wöchentlichen WDR-Serie reagiert. Wie der Mann, der über Jahrzehnte gerne alles bis ins Detail kontrollierte, das Serien-Aus mittlerweile beurteilt, kann man nicht wissen: Geißendörfer wolle seinen 80. Geburtstag im Kreis der Familie zu Hause in London feiern. Es gehe ihm gesundheitlich "sehr gut".

Das triviale Vergnügen mit gesellschaftskritischem Anspruch verbinden – das war das Credo Geißendörfers. Der 1941 in Augsburg Geborene zählt sich selbst zur "68er"-Generation. Links zu sein habe für ihn immer bedeutet: radikale Demokratie und Humanismus. Sein erster Kinofilm als Regisseur und Autor war "Jonathan" (1970), eine Parabel über den Kapitalismus. 1971 gründete er mit anderen den Filmverlag der Autoren.

Im Kino liegen seine größten Erfolge lange zurück: "Die gläserne Zelle" (1978) nach Patricia Highsmith wurde für den Oscar nominiert. Das Fernsehen lockte Geißendörfer, weil er damit ein weitaus größeres Publikum erreichte. Mit der "Lindenstraße" setzte er Mitte der 1980er Jahre inhaltlich und produktionstechnisch Maßstäbe: Es war die erste Serie, die fiktional in Echtzeit und nahe am aktuellen Geschehen erzählte. Die Parallelwelt schlug im Takt des Realen. Bei Geißendörfer gab es keine Superhelden mit übermenschlichen Fähigkeiten, dafür Alltag und Realität. Also auch: Schwule, die sich küssten, als dies im Fernsehen noch als Wagnis galt. Obdachlose, Menschen mit Behinderung, Geflüchtete gehörten selbstverständlich dazu zum "Lindenstraßen"-Kosmos. Man könnte sagen: Geißendörfer war seiner Zeit voraus.