Angst unter Hundehaltern

In Norwegen breitet sich eine mysteriöse Hundekrankheit aus

André Anwar

Von André Anwar

Di, 10. September 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Mindestens 200 Hunde sind in Norwegen an einer bislang völlig unbekannten Krankheit erkrankt. Erst in Oslo, dann auch in anderen Landesteilen. Eine Ausweitung nach Deutschland wird nicht ausgeschlossen.

Kläffende Vierbeiner sieht man derzeit kaum auf den Straßen von Oslo. In der norwegischen Hauptstadt herrscht Panik bei Hundebesitzern. Denn am Wochenende warnte das Veterinäramt vor einer mysteriösen, teils tödlich um sich greifenden Hundekrankheit. Die tobte zunächst vor allem in der Hauptstadtregion. Inzwischen wird jedoch von kranken Hunden im ganzen norwegischen Königreich berichtet.

Blutiger Stuhlgang und Erbrechen gehören zu den Anfangssymptomen

Mehr als 200 Hunde wurden dem Amt über Tierärzte als erkrankt gemeldet. Mehr als 25 sind bereits am Wochenende gestorben. Aktuelle Zahlen gab es am Dienstag nicht. Blutiger Stuhlgang und das Erbrechen von Futter und teilweise Blut und ein sich deutlich verschlechternder Allgemeinzustand gehören zu den Anfangssymptomen. Der Krankheitsverlauf ist schmerzhaft und schnell. Mehrere Hunde starben der Tierklinik Anicura bereits 24 Stunden nach dem ersten Auftreten der Symptome, meldete die Osloer Klinik bereits am Donnerstag.

"Das ist eine sehr ernste Sache. Wir haben kaum Anhaltspunkte. Hunde sämtlicher Rassen und Größen, in jedem Alter, egal ob männlich oder weiblich, egal, ob sie wie Jagdhunde vor allem im freien sind oder daheim als Schoßhündchen gehalten werden, erkranken derzeit an etwas völlig Unbekanntem", sagt Asle Haukaas vom norwegischen Veterinäramt. Er wirkt gestresst und "hat eigentlich keine Zeit". Sein interdisziplinäres Team aus rund 20 Wissenschaftlern, darunter "alles was es gibt" von Veterinärmedizinern, über Serologen, Biologen, Epidemiologen, Molekularforscher, Toxikologen, Genetiker, Chemiker und Bakteriologen zerbrechen sich derzeit den Kopf über die mysteriöse Hundeseuche.

Übliche Hundekrankmacher werden ausgeschlossen

Ist sie von Hund zu Hund übertragbar und wie? "Woher kommt sie?", fragt Haukaas. Man wisse dank mehrerer Obduktionen nur, dass gewisse Bakterien, die Durchfall und eine Giftstoffproduktion in Gang setzen können, gefunden wurden. Sie heißen Clostridium perfringens und Providencia alcalifaciens. Ob sie mit der Krankheit in Zusammenhang stehen, sei noch unklar. Übliche Hundekrankmacher wie Salmonellen, ausgelegtes Rattengift und alle weiteren typischen Ursachen wurden bereits ausgeschlossen. Auch historische Hundeseuchenberichte aus anderen Ländern wurden analysiert, um zu sehen, ob es Gemeinsamkeiten gibt. Bislang erfolglos.

Ob die Hundekrankheit auch nach Deutschland kommen kann, etwa durch Norwegenurlauber mit Hund? "Ausschließen können wir es nicht oder anders gesagt, wir wissen es nicht. Wir wissen so gut wie nichts über die Krankheit, deshalb können wir keine Aussagen treffen, das ist momentan das Frustrierende", bekennt Haukaas vom Veterinäramt. Auch Ratschläge könne man eigentlich nicht geben, um die Ansteckungsgefahr für den eigenen Hund zu minimieren. Grundsätzlich habe man aber Hundebesitzern empfohlen, den Außenkontakt ihrer Hunde so weit wie möglich zu reduzieren, bis mehr über die Krankheit bekannt sei. "Wir hoffen bald auf neue Erkenntnissen", so Haukass.

Bei ersten Anzeichen sofort zum Tierarzt gehen

Peter Kvalsvik hat die mysteriöse Krankheit an seiner Hündin Nomi miterlebt. Das Drama begann bereits Mittwoch der vergangenen Woche. Zunächst erbrach sie nur ihr Futter. "Aber im Laufe des Tages erbrach sie immer häufiger. Im Laufe von zwei Stunden begann sie auch Blut auszuspucken", sagt Kvalsvik. Er ging mit Nomi zum Tierarzt und nun geht es ihr wieder gut. "Es ist wohl wichtig, so schnell wie möglich zum Tierarzt zu gehen, bei den ersten Symptomen", rät er anderen Hundebesitzern im norwegischen Rundfunk NRK.

Die 46-jährige Osloer Schriftstellerin Hilde Solheim ist wie alle norwegischen Hundebesitzer mehr als beunruhigt, "ich habe richtig, richtig Angst. Für uns gehören unsere Hunde zur Familie, wir haben Angst sie zu verlieren", sagt Solheim, während sie mit ihrem Jämthund Jonas und den zwei Dachsen Enra und Trine spielt. "Ich halte sie jetzt immer an der Leine und sie dürfen keinen Umgang mit anderen Hunden haben", sagt sie gegenüber dem Sender NRK. "Für mich sind sie wie Menschen und nicht einfach nur Hunde", sagt Solheim traurig.