Randale in Stuttgart

Integration wird von vielen immer noch als Einbahnstraße gesehen

Werner Schibath

Von Werner Schibath (Ettenheim)

Sa, 11. Juli 2020

Leserbriefe

Zu: "Polizei will in Stuttgart Stärke zeigen", Beitrag von Axel Habermehl und Agentur (Politik, 25. Juni)
Uli Sckerl (Grüne) bemerkt: "Wir haben junge Leute in der dritten oder vierten Generation, die auch von der Gesellschaft nicht anerkannt werden und dann in Parallelwelten abtauchen". Das müsse man tabulos aufarbeiten. Wenn Sie das erst jetzt bemerken, Herr Sckerl, dann haben Sie aber lange und fest geschlafen.

Ihre Aussage kann so nicht unwidersprochen bleiben, zumal dadurch das Bild vom "unverstandenen" Migranten und einer generell abweisenden (deutschen) Gesellschaft suggeriert wird. Diese Generationen sind zwar bei uns aufgewachsen, aber bestimmend für ihre persönliche Prägung von klein auf waren und sind oftmals autoritär-patriarchalische Familien- und Clanstrukturen, aus denen auszubrechen sich äußerst schwierig gestaltet und vielfach mit dem Verlust familiärer Bindungen einhergeht. Der teils indoktrinäre Einfluss von bestimmten Religionsgemeinschaften – Stichwort Hassprediger – sind ebenfalls bekannt. Und eben diese Art althergebrachter Traditionen unter Missachtung individueller Entwicklungsmöglichkeiten des Nachwuchses ist es, die von unserer Gesellschaft nicht anerkannt wird.

Die jungen Krawallmacher und Kriminellen sind also nicht abgetaucht, sondern aufgrund ihres familiären Umfeldes nie aufgetaucht. Die Parallelwelt ist nicht durch Ablehnung unserer Gesellschaft entstanden, sondern durch entsprechende Abgrenzung derer zu unserer Gesellschaft.

Es gab mal das geflügelte Wort vom "Mehmet-Scholl-Türken" über exzellente und lautlose Integration – man muss eben auch wollen. Also bitte tabulos aufarbeiten, Herr Sckerl! Dann werden Sie sich an den kulturell bedingten Strukturen abarbeiten müssen, was Ihnen oftmals mangels Entgegenkommen kaum gelingen wird. Integration wird von vielen immer noch als Einbahnstraße gesehen, um sich dann beleidigt in die Opferrolle zu begeben, sprich, die Gesellschaft würde sie nicht akzeptieren. Mehr Pragmatismus und Realitätseinsicht, weniger Ideologie und nutzlose Sonntagsreden, Herr Sckerl. Werner Schibath, Ettenheim