Corona-Krise

Internationaler Appell: "Leben alter Menschen nicht entwerten"

dpa

Von dpa

So, 24. Mai 2020 um 21:20 Uhr

Deutschland

Prominente aus Politik, Gesellschaft, Kirche und Wissenschaft rufen dazu auf, das Leben alter Menschen in der Corona-Krise nicht abzuwerten – und wünschen sich eine "moralische Revolte".

"Alle notwendigen Energien müssen investiert werden, um die größte Zahl an Leben zu retten und den Zugang zur Behandlung für alle zu ermöglichen", heißt es in dem Appell, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Anzeige veröffentlicht und neben anderen von dem Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas, Ex-EU-Kommissionspräsident Romano Prodi, der früheren Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sowie dem Erzbischof von Bologna, Kardinal Matteo Zuppi, unterzeichnet wurde.

"Der Wert des Lebens muss gleich für alle bleiben. Wer das zerbrechliche und schwache Leben der Älteren abwertet, bereitet einer Entwertung jeden Lebens den Weg", heißt es. Ziel müsse es auch sein, wegzukommen von der "Institutionalisierung alter Menschen".

Kritik an einem selektiven Gesundheitswesen

In vielen Ländern tauche "ein gefährliches Modell" auf, das sich für ein selektives Gesundheitswesen ausspreche, in dem das Leben alter Menschen als zweitrangig betrachtet werde. "Ihre größere Verletzlichkeit, das fortgeschrittene Alter und die möglicherweise vorliegenden weiteren, bei ihnen bestehenden Erkrankungen sollen danach eine Form der Auswahl zugunsten der Jüngeren und Gesünderen rechtfertigen." Sich resigniert damit abzufinden, sei inakzeptabel. "Die demokratische und humanitäre Ethik sind darauf gegründet, keinen Unterschied zwischen Menschen zu machen, auch nicht aufgrund des Alters."

Die Unterzeichner warnen vor einer Spaltung der Gesellschaft in Altersgruppen. In allen Kulturen finde sich der Gedanke, dass die Generation alter Menschen ein Kapital sei. Der Appell sei entstanden, um dem Schmerz und der großen Sorge über die zu vielen Todesfälle bei alten Menschen Ausdruck zu verleihen. Es brauche "eine moralische Revolte, damit bei der Behandlung alter Menschen ein Richtungswechsel erfolgt und damit vor allem die besonders Verletzlichen nie als eine Last oder, schlimmer noch, als unnütz betrachtet werden".