Vom Sterben, Trauern, Trösten

Interview: Was Angehörige in einem Trauerfall wissen müssen

Michael Neubauer

Von Michael Neubauer

Mi, 21. April 2021 um 18:00 Uhr

Liebe & Familie

Wenn ein Angehöriger stirbt, muss man leider trotz dieser traurigen und schmerzhaften Situation zahlreiche Entscheidungen treffen. Worauf sollte man dabei achten? Wo gibt es hilfreiche Checklisten?

Wo und wie will man einmal beerdigt werden? Wie soll die Erinnerung an mich aussehen? Darüber sollten nicht nur ältere Menschen sich Gedanken machen, sondern auch Jüngere, rät Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg in Stuttgart. Im Interview gibt er auch Tipps für die Bestattersuche.

BZ: Sollte man sich wirklich schon zu Lebzeiten Gedanken über das eigene Begräbnis machen?
Matthias Bauer: Ich rate dazu. Denn Sie entlasten Ihre Angehörigen sehr, wenn Sie die wichtigsten Fragen für sich klären: Wo und wie wollen Sie bestattet werden? Wie soll an Sie erinnert werden? Das rechtzeitig zu regeln, wird immer wichtiger, weil Familien oft nicht mehr so eng aufeinanderwohnen und weniger übereinander wissen. Früher war klar: Man wird auf dem Friedhof bestattet. Heute gibt es aber viele Bestattungsarten.

BZ: Wenn man einen Todesfall in der Familie erlebt, kommt auf die Angehörigen auch viel Bürokratie zu. Was davon ist am Anfang das Wichtigste?

Bauer: Es ist ganz normal, wenn man sich in dieser traurigen, schmerzhaften Situation erst einmal überfordert fühlt. Das wichtigste Dokument ist der Totenschein. Wenn der Angehörige in der Klinik oder im Pflegeheim stirbt, wird einem dort dieses Dokument automatisch ausgestellt. Wenn es aber zu Hause passiert, muss ein Arzt den Tod feststellen. Aber man sollte sich klar machen: Man hat etwas Zeit. In Baden-Württemberg darf ein toter Mensch noch 36 Stunden in seinem Haushalt verbleiben. Ich kann nur raten: Nehmen Sie sich die Zeit – nicht nur zum Abschiednehmen, sondern auch zum Überlegen der nächsten Schritte. Benachrichtigen Sie die Angehörigen, holen Sie sich bei ihnen auch Beistand und Hilfe. Dann kann man langsam auch wichtige Verträge und Verfügungen suchen, die später noch benötigt werden. Erst danach würde ich an die Bestatterauswahl gehen. Man ist zwingend auf den Bestatter angewiesen, denn nur er darf den Leichnam abholen und überführen in seine Räumlichkeiten. Eine Bestatterin oder ein Bestatter kennt sich aus, nimmt einem viel Arbeit ab.
Der Totenschein

ist die Grundvoraussetzung für die Sterbeurkunde. Beide Urkunden ermöglichen erst eine Bestattung. Die Sterbeurkunde muss spätestens am nächsten Werktag beim zuständigen Standesamt oder Bürgeramt (in größeren Städten) beantragt werden. Zuständig ist immer das Amt in dessen Zuständigkeitsbereich der Todesfall eingetreten ist. (Beispiel: Verkehrsunfall in Stuttgart, Wohnort in Freiburg).Von der Sterbeurkunde sollten immer mehrere Exemplare für das Einwohnermeldeamt, den Friedhof, die Rentenversicherung, Krankenkasse usw. angefertigt werden. Beim Nachlassgericht wird sie für den Antrag auf Erteilung eines Erbscheins benötigt.

BZ: Bei der Auswahl des Bestatters: Worauf sollte man achten?
Bauer: Wer in einer Stadt wohnt, hat ja mehr Auswahl als auf dem Land. Schließen Sie nicht sofort einen Vertrag ab, machen Sie ein Erstgespräch und nehmen Sie sich Zeit, bevor Sie unterschreiben. Ich würde bei zwei, drei Bestattern anrufen und am Telefon nach einem ersten Kostenvoranschlag fragen. Ich rate immer dazu, beim Benachrichtigen der Verwandten oder Freunde diese auch gleich zu fragen, ob sie vor Kurzem in einer ähnlichen Situation waren und mit einem Bestatter vielleicht gute Erfahrungen gemacht haben. Wählen Sie einen Bestatter in Ihrer Nähe, denn das macht es einfacher, wenn man noch weitere Fragen mit Behörden vor Ort klären muss. Es gibt ja auch bundesweit agierende Discount-Bestatter: Da kann man zwar Geld sparen, aber das ist eher unpersönlich. Es ist ja oft hilfreich, bei einem Bestatter vor Ort Särge und andere Produkte anschauen zu können. Die Bestatter haben auch einen Berufsverband, bei dem man sich kundig machen kann (http://www.bestatter.de Achten Sie zudem auf Ihr Bauchgefühl: In einem ersten Gespräch merken Sie oft schon, ob Sie mit dem Bestatter zurechtkommen.
"Man muss man sich fragen, was kann man selbst machen, was soll der Bestatter machen."

BZ: Für welche Posten wird man Geld ausgeben müssen?

Bauer: Die Kernleistungen sind die Überführung und die Versorgung des Leichnams. Der Betreuungs- und Formalitätenservice ist ein weiterer Punkt: Da muss man sich fragen, was kann man selbst machen, was soll der Bestatter machen. Da ist viel Spielraum. Der Bestatter organisiert auch den Arzt und den Totenschein, aber man kann das genauso gut selbst machen. Die wichtige Frage ist: Sarg oder Urne, Erd- oder Feuerbestattung? Wie sieht es aus mit der Einbettung im Sarg und beim Sargschmuck? Es gibt weitere Leistungen, die ich selbst organisieren kann oder auch abgeben kann: die Organisation der Trauerfeier zum Beispiel. Wer eine kirchliche Bestattung mit einem Pfarrer oder Priester möchte, wendet sich meist selbst an den Geistlichen. Oder bevorzugt man einen freien Trauerredner? Braucht man einen Organisten oder eine Kapelle? Welchen Blumenschmuck? Wie sieht es mit Trauerbriefen und der Anzeige in der Zeitung aus? Dann gibt es noch die Gebühren für die Sterbeurkunde vom Rathaus, Ausgaben für die Friedhofsverwaltung, die Grabnutzungsgebühren oder die Gebühren für die Trauerhalle der Gemeinde.
"Wenn der Verstorbene ein einfacher Mensch war, wollte er vielleicht keinen Luxussarg."

BZ: Mit welchen Kosten sollte man auf jeden Fall rechnen?

Bauer: Unsere Erfahrungen bundesweit betrachtet liegen bei rund 5000 Euro. Es geht günstiger, wenn man wesentliche Teile selbst übernimmt. Nach oben ist die Summe offen. Die Preisspannen sind enorm: Bei den Särgen für eine Feuerbestattung divergieren die Preise zwischen 350 Euro bis 1600 Euro – und sogar mehr für Luxussärge. Für die Erdbestattung gehen die Preise von 350 Euro mit einfachen Kiefersärgen ohne große Beschichtungen bis etwa 3500 Euro pro Sarg. Mein Appell ist: Machen Sie sich vorher klar, was Sie wollen: Was kann ich aufwenden und vor allem was war in etwa der Wille des oder der Verstorbenen? Wenn der Verstorbene ein einfacher Mensch war, wollte er vielleicht keinen Luxussarg. Es soll würdig sein, es soll aber auch die zurückbleibenden Angehörigen nicht überlasten.


BZ: Die jüngere Generation: Plant die mehr ihr Ende und macht mehr Bestatterverträge?

Bauer: Ja, viele Jüngere klären für sich zumindest schon die Bestattungsart. Es gibt tatsächlich den Trend zu Bestattungsverfügungen, die man vorher macht und in denen man sein Ende regeln kann: Erd- oder Feuerbestattung? Anonym oder halbanonym, Friedhof oder Ruheforst – oder gar eine Seebestattung? Manche wollen sich sogar für 6000 Euro zu einem Diamanten pressen lassen. Naja, wer es mag.
"Es kommt es immer wieder vor, dass jemand schon irgendwo begraben wurde, wo er es eigentlich gar nicht wollte."

BZ: Sollte man die eigenen Wünsche in ein Testament schreiben?

Bauer: Keinesfalls. Oft werden die Testamente erst spät geöffnet, also erst nach der Beerdigung. Da kommt es immer wieder vor, dass jemand schon irgendwo begraben wurde, wo er es eigentlich gar nicht wollte. Das sollte in der Bestattungsverfügung stehen, die den Angehörigen erleichtert, im Todesfall die richtige Entscheidung zu treffen. Diese Verfügung kann zu Hause in einem Ordner liegen oder man gibt sie einem Angehörigen. Wichtig wäre es, wichtige Dinge wie Versicherungen, Rentenversicherungs- und Steuernummern kurz aufzulisten – auch wo man Sparkonten hat. Oft haben Angehörige große Probleme, all das herauszubekommen.

BZ: Wie sieht es aus mit den sozialen Netzwerken?

Bauer: Das digitale Vermächtnis wird immer wichtiger, in vielen Familien ist das ein Problem. In welchen Netzwerken war der Verstorbene angemeldet? Da gibt es oft keine Passwörter-Listen und somit keine Möglichkeiten, Änderungen einzugeben oder den Account zu löschen. Angehörige klagen darüber, dass sie nach dem Tod eines lieben Menschen weiter Informationen gemailt bekommen. Sie kommen nicht ran, können das nicht löschen.
Was regeln Bestattungsverfügungen? Eine Übersicht auf https://www.badische-zeitung.de

BZ: Worüber klagen hin und wieder trauernde Angehörige im Trauerfall, weil sie sich nicht gut betreut fühlten oder wegen anderer Dinge?
Bauer: Es gibt wenige Abmahnungen, was Bestatter anbelangt. Einmal hat ein Bestatter werbemäßig die Hinterbliebenen angeschrieben und erklärte, einen Fingerabdruck abgenommen zu haben. Man könne kostenpflichtig ein Schmuckstück als Andenken daraus machen. Da waren die Angehörigen zurecht entsetzt. Der Bestatter hat sich entschuldigt und es bedauert. Man umgeht Probleme, wenn man schon in den Vertragsverhandlungen klar macht, was man will und welche Extras man einfach ablehnt. Die bundesweit agierenden Discount-Anbieter im Internet sind manchmal billiger, etwa bei Särgen. Aber wer so günstig im Markt agiert, hat oft nur das Grundangebot in diesem guten Preis. Dann sind die Leute überrascht, dass es doch teurer wird. Weitere kostenpflichtige Wahlleistungen sind in der Regel teurer. Ein Kosten- oder Angebotsvergleich lohnt sich immer, auch bei einem traurigen Anlass.
Checklisten für den Trauerfall

Die Verbraucherzentralen haben ein kleines Handbuch zum Trauerfall herausgegeben, das Verbraucher online bestellen oder im Buchhandel erwerben können:
https://www.verbraucherzentrale-bawue.de
Checklisten für den Trauerfall gibt es zum Beispiel in dem neuen Vorsorge-Ordner "Meine Vorsorge" der Badischen Zeitung unter mehr.bz/vorsorgeordner Auch hier finden sich solche Listen:
https://www.bestatter.de
https://www.aeternitas.de
https://www.service-bw.de

Alle Folgen der Serie auf mehr.bz/trost – dort finden Sie auch einen Artikel über wichtige Vollmachten, Patientenverfügung und Testament – was man für einen möglichen Schicksalsschlag rechtzeitig regeln sollte.