Ist Noah jetzt durchgedreht?

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Fr, 31. Mai 2019

Literatur & Vorträge

David Arnold schickt einen 16-Jährigen auf einen Höllentrip und wieder zurück.

Eigentlich ist alles wie immer am Pool der Rosa-Haas-Zwillinge. Val schlürft einen Daiquiri auf der Luftmatratze, Alan springt kreischend einer Dose Karamellpopcorn hinterher, die er vorher ins Becken geworfen hat, und der Nachbarsjunge Noah genießt die Ruhe unter Wasser. Seit sie zwölf sind, Alan Noah eröffnet hat, dass er schwul ist, und Noah etwas später mit Val mal Händchen gehalten hat, sind sie das unzertrennliche "delikate Dreieck". Anfeindungen, weil die Zwillinge einen halb-puertoricanischen Farbfleck in ihre Heimatstadt bringen, die so weiß ist, dass man den Schnee nicht sehen kann, fechten sie ebenso wenig an, wie schräge Reaktionen auf Alans Outing.

Aber über diesem Sommer vor dem letzten Jahr in der Highschool liegt ein Schatten. Sie sind 16, die gemeinsame Schulzeit ist bald vorbei, und wenn sie sich für ein College entscheiden, trennen sich womöglich ihre Lebenswege. Als hervorragender Schwimmer hat Noah gute Angebote von der fernen Manhattan State und aus dem für amerikanische Verhältnisse nahen Milwaukee. Aber was machen Alan und Val? Noah schiebt merkwürdige Rückenschmerzen vor und Zukunftsentscheidungen von sich weg. Trotzdem stellt er seltsame Faszinationen bei sich fest, etwa für das Video vom Verblassenden Mädchen: vierzig Jahre lang Tag für Tag ein Foto vor dem gleichen Hintergrund zu einer Elegie übers Verschwinden geschnitten.

Das Glück vom Pool und delikatem Dreieck scheint Noah ähnlich zu verblassen. Irgendetwas gerät aus den Fugen. Und zwar endgültig, als Noah nach einer Party mit etlichen Starkbieren eine schräge Psychositzung mit einem noch schrägeren Typen namens Circuit absolviert. Tags drauf ist die Realität irgendwie leicht versetzt, so verrückt wie ein Möbelstück, das plötzlich nicht mehr am gewohnten Platz steht. Noahs Mutter hat auf einmal eine Narbe, die ihm nie zuvor aufgefallen ist. Alan und Val haben sich hinter seinem Rücken offenbar für ein College im fernen Kalifornien entschieden, und sogar der schlaffe Sack von Haushund ist über Nacht zum agilen treuen Gefährten geworden.

Ist Noah durchgedreht? Andererseits gibt es ein paar Konstanten, seine Schwester beispielsweise. Auch der alte Mann mit Kropf, der jeden Tag dieselbe Spazierstrecke nimmt, hat sich nicht geändert. Noah beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen, was den Trip, der so harmlos im Pool der besten Freunde begann, immer abgefahrener werden lässt.

Nicht nur der Story, die Arnold raffiniert mit scheinbar nebensächlichen Versatzstücken verschränkt, folgt man atemlos mitgerissen. Überhaupt gibt es selten so gelungene Literatur über die spätpubertäre Zerrissenheit, in der das feine Gespinst der Realität so leicht fadenscheinig werden kann, und die den Leser null didaktisch, aber voll erhellend auf einen Höllentrip und zurück schickt. Gute Literatur, nicht nur für Jugendliche.

David Arnold: Ganz schön kaputte Tage und wie Noah Oakman sie sieht. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Thiele. Arena Verlag, Würzburg 2019. 440 Seiten, 14,99 Euro. Ab 14 Jahre.