Ausbruch

Ist Nordkorea eigentlich auf die Corona-Pandemie vorbereitet?

AFP

Von AFP

Di, 17. Mai 2022 um 07:14 Uhr

Ausland

Erst vor wenigen Tagen hat Nordkorea offiziell bekanntgegeben, dass die hoch ansteckende Omikron-Variante des Coronavirus in Pjöngjang entdeckt wurde. Seitdem gab es dutzende "Fieber"-Tote.

Im Kampf gegen das Virus wurden zehntausende Erkrankte isoliert. Ansonsten hat Nordkorea mit seinem mangelhaften Gesundheitssystem und einer komplett ungeimpften Bevölkerung Corona wenig entgegenzusetzen.

Wie ist es um Nordkoreas Gesundheitsversorgung bestellt?

Nordkoreas Gesundheitssystem belegte 2021 in einem Ranking der Johns-Hopkins-Universität den 193. von 195 Plätzen. Nach offiziellen Angaben ist die Gesundheitsversorgung gratis, Menschenrechtsgruppen zufolge hat es sich in Nordkorea aber eingebürgert, selbst für eine grundlegende ärztliche Versorgung zu bezahlen - in der Regel mit Zigaretten oder Alkohol.

Nordkoreanische Flüchtlinge beschreiben übereinstimmend chronisch mangelhaft ausgestattete Krankenhäuser, sagt Sokeel Park von der international agierenden Organisation Liberty in North Korea. Angehörige von Patienten müssten Medikamente, Verbandszeug und ähnliches auf dem Schwarzmarkt kaufen, die Ärzte im Land verdienten sich mit inoffiziellen Behandlungen etwas hinzu.

Intensivstationen und moderne Diagnosegeräte sind in Nordkorea extrem knapp, sagt der Wissenschaftler Choi Jung Hun, der vor seiner Flucht aus Nordkorea dort als Arzt arbeitete. In ländlichen Gebieten und Kleinstädten, wo der Großteil der 25 Millionen Einwohner lebt, gebe es gar keine Intensivstationen.

Wie ist der Gesundheitszustand der Bevölkerung?

Im vergangenen Jahr räumten Staatsmedien eine "Lebensmittelkrise" in Nordkorea ein. "Die meisten Nordkoreaner sind chronisch mangelernährt", sagt Lina Yoon von Human Rights Watch (HRW).

Über den Gesundheitszustand der Nordkoreaner ist ansonsten wenig bekannt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2018 sind 84 Prozent der Todesfälle in dem autoritär geführten Land auf nicht-übertragbare Krankheiten wie Diabetes zurückzuführen. Solche Leiden sind auch ein Risikofaktor bei Corona-Infektionen.

Der aus Nordkorea geflohene Wissenschaftler Ahn Chan Il sagt, die weitverbreitete Mangelernährung mache Nordkorea besonders anfällig für das Coronavirus. In den vergangenen zwei Jahren sorgte die komplette Abriegelung der Landesgrenzen zur Abwehr der Pandemie laut HRW-Expertin Yoon zudem dafür, dass "kaum mehr Medikamente übrig sind".

Hat sich Nordkorea auf die Corona-Pandemie vorbereitet?

Auf den Ausbruch der Pandemie hat das Land vor zwei Jahren mit der Schließung seiner Grenzen, einer Einschränkung des Handels und Landeverboten für Flugzeuge reagiert. Berichten zufolge wurde zudem ein Schießbefehl bei illegalen Grenzübertritten aus China erteilt.

Nach Angaben der Staatsführung wurde das Virus durch solche drastischen Maßnahmen in Schach gehalten. Nordkorea nutzte die Schonzeit aber nicht, um die Bevölkerung mit einer Corona-Impfkampagne zu schützen.

Das Angebot Chinas von drei Millionen Impfdosen lehnte das Land ab und erklärte, das Vakzin solle besser an bedürftigere Länder gehen. Auch das Angebot der WHO, im Rahmen der Impfinitiative Covax Astrazeneca-Impfstoff zu erhalten, schlug Nordkorea aus - laut einer südkoreanischen Denkfabrik aus Sorge vor Nebenwirkungen. Laut WHO ist Nordkorea neben Eritrea das einzige Land weltweit, das keine Corona-Impfkampagne gestartet hat.

Wie ist Nordkorea für den Corona-Ausbruch ausgerüstet?

Experten zufolge hat das Land nur äußerst geringe Corona-Testkapazitäten und es fehlt an Quarantäne-Einrichtungen mit angemessenem Belüftungssystem sowie Kühlmöglichkeiten für mögliche Corona-Impfstoffe.

Es wird vermutet, dass Mangelernährung die Immunreaktion nach einer Impfung beeinträchtigt. Außer Medikamenten und Impfstoffen dürfte Nordkorea daher auch Lebensmittelhilfen im Kampf gegen die Pandemie benötigen.

Kann das Ausland helfen?

China, Südkorea und die WHO haben bereits Hilfe angeboten. Nordkorea scheint diese aber nicht annehmen zu wollen. Experten zufolge könnte das Land bald aber keine andere Wahl mehr haben angesichts des aktuell offenbar massenhaften Corona-Ausbruchs.

Die Führung in Pjöngjang "telegraphiert" mit der nun gestarteten Veröffentlichung von Pandemie-Details in englischsprachigen Staatsmedien ihre Bedürfnisse, sagt Yang Moo Jin von der University of North Korean Studies in Seoul. Sie sende also aktuell eine "indirekte Botschaft, dass Nordkorea in der Zukunft Impfstoff-Hilfe von den USA oder internationalen Organisationen anfragen könnte".