"Ja, der gottverreckte Krieg"

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Do, 02. Juli 2020

Literatur & Vorträge

Valentin Moritz gelingt ein so eindrucksvolles wie einfühlsames Porträt des Großvaters – eines unbequemen Bauern vom Hochrhein.

Wenn der Opa vom Krieg erzählt, dann gehen die Nachgeborenen üblicherweise in Deckung – oder gähnen verstohlen. Doch der Holzgroßhändler Josef Mutter (1922–2016) hat vor seinem Enkel nie von Kameradschaft, Ehre und Ruhm schwadroniert, nie von Schwänken in Schützengräben berichtet und erst recht nicht mit vermeintlichen Heldentaten in Wehrmachtsuniform geprahlt. Im Gegenteil. Mutter war schon skeptisch, als er als Bub in Niederdossenbach, einem Dorf bei Schwörstadt am Hochrhein, zum Jungvolk musste. Sicher, als die ersten Panzer rollten, glaubte er wie so viele an einen Sieg Nazideutschlands, auch wenn er ihn nicht herbeisehnte. Aber später, nach all den Toten, die er sah, nach der Kriegsgefangenschaft in Tunesien und den USA und nach seiner Rückkehr ins zerstörte Nachkriegsdeutschland, das es mit der Entnazifizierung nicht wirklich ernst meinte, wurde Mutter vollends zum Antifaschisten, zum engagierten Menschenfreund – und zum geachteten Bürger.

Der Enkel, das ist Valentin Moritz, Jahrgang 1987 und ebenfalls in Niederdossenbach aufgewachsen. Moritz, der in Berlin Literaturwissenschaft studierte und schon einige Preise für seine Prosa einheimsen konnte, hat seinem Großvater das Aufnahmegerät vorgehalten und ihm ein bemerkenswertes literarisches Denkmal gesetzt. Erschienen ist Moritz’ erster Roman "Kein Held" diesen Frühsommer beim in Freiburg ansässigen Badischen Landwirtschafts-Verlag.

Zum Geleit gibt es ein Zitat des französischen Résistance-Kämpfers, KZ-Überlebenden und Essayisten Stéphane Hessel: "Die schlimmste aller Haltungen ist die Gleichgültigkeit." Denn dieser Spruch gefiel dem alten Mann. "Man muss gegen Halsstarrigkeit sein und gucken, dass man selber nicht verbittert und böse wird. Sondern positiv und offen. Jeder kann an sich selbst arbeiten", gab Josef Mutter zu Protokoll. Und dass es mitunter bockig werden konnte, er sei ja schließlich ein halber Hotzenwälder.

So engagierte er sich noch kurz vor seinem Tod dafür, dass die Hindenburg-Schule in Bad Säckingen umbenannt wurde ("Der Hindenburg hat die Demokratie von Anfang an zur Sau gemacht. Und dann hat er den fürchterlichen Hitler zum Diktator gemacht") oder protestierte lautstark gegen die Nacht-und-Nebel-Abschiebung seines Helfers Miftar, eines Kosovoalbaners, der zur Familie gehörte und den er schließlich sogar adoptierte. Doch ein Held wollte Josef Mutter nie sein, weder in diesem "gottverreckten Krieg" noch danach.

Valentin Moritz vermeidet die Überhöhung, auch wenn er den Opa schon als Teenager "cool" fand und anlässlich von dessen Geburtstag 2012 schreibt: "Jetzt war er neunzig. Noch immer ein Best-Ager, noch immer ein etwas eitler Geck, noch immer um seine Gesundheit zu beneiden." Moritz’ einfühlsames und eindrucksvolles Porträt wird auf zwei Ebenen erzählt: den Lebenserinnerungen des Alten und den Erinnerungen des Enkels an die eigene Jugend am Hochrhein.

Zwei unterschiedliche Erzählweisen, zwei unterschiedliche Perspektiven auf diese ländliche Gegend, auf die Traditionen und Bräuche und auf die Arbeitswelt. So erzählt Josef Mutter von Neujahr in den 1920ern, als er und sein später im Krieg getöteter Bruder Alfons durchs Dorf gingen, den Nachbarn artig ein "Gutes Neues" wünschten und dann mit Gebäck und Süßigkeiten beschenkt durch den Schnee nach Hause stapften. Oder von der Arbeit auf dem kleinen Hof. Oder von der Inflation nach dem ersten großen Krieg. Valentin Moritz, der Niederdossenbacher in Berlin, erzählt hingegen von Punkrockkonzerten im "Café Irrlicht" in Schopfheim, wie er mit Kirche und dem Begriff Heimat haderte und wie er sich nun seinen Wurzeln zuwendet. "Kein Held" ist eine runde, schöne und interessante Erzählung.

Valentin Moritz: Kein Held – Erinnerungen. Badischer Landwirtschafts-Verlag, Freiburg 2020. 220 Seiten, 18 Euro.