Japans Autoindustrie setzt auf Wasserstoff

Felix Lill

Von Felix Lill

Sa, 24. Oktober 2020

Wirtschaft

Die Hersteller investieren in großem Stil in die Technik / Das Land will seine Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten verringern.

. Während Deutschlands Autoindustrie um Förderung von Verbrennermotoren buhlt, fährt ihr die japanische Konkurrenz leise davon. Dort setzen die Hersteller auf Wasserstoff und Hybride.

Honda brummt in Zukunft nicht mehr mit. Ab der Saison 2022 wird die Formel 1 ohne die Antriebe des japanischen Autobauers auskommen müssen. Derzeit versorgt Honda mit Red Bull und AlphaTauri gleich zwei Teams. Künftig aber, so hat es der Konzern kürzlich erklärt, passen die lauten, schmutzigen Flitzer nicht mehr ins Konzept. Stattdessen wolle man leise und sauber werden. Bis 2050 will das Unternehmen, das unter anderem mit seinen laut aufheulenden Motorrädern bekannt wurde, CO2-neutral werden. Um dieses Ziel zu erreichen, wolle man fortan in die Erforschung von Autos investieren, die mit Brennstoffzellen oder Elektrobatterien laufen.

Gerade im Vergleich zur Branche des größten Konkurrenzlandes Deutschland klingen solche Ziele geradezu visionär. Über Monate hat Deutschlands Verband der Automobilindustrie (VDA) in der Corona-Pandemie die Regierung bekniet, sie mit Kaufprämien zu unterstützen – auch für Autos, deren Antriebe auf fossilen Brennstoffen basieren. VDA-Präsidentin Hildegard Müller behauptete sogar, Dieselantriebe seien ein "erheblicher Beitrag für Umwelt- und Klimaschutz". Einiges deutet darauf hin, dass die deutsche Branche die Verkehrswende gerade verpasst, und dass ihr die Konkurrenz aus Japan davonfährt.

Honda ist nicht der erste Hersteller, der sich von Dieseln und Benzinern allmählich verabschieden will. Der weltweit erste serienmäßig produzierte Pkw mit 100-prozentigem Wasserstoffantrieb stammt aus dem Hause des japanischen Konkurrenten Toyota. 2015 kam das Modell Mirai auf den Markt, dessen Name sich ins Deutsche mit "Zukunft" übersetzt. Bisher kann er bis zu 500 Kilometer weit fahren, ohne zu tanken. Er kostet allerdings knapp 80 000 Euro, was angesichts des Mangels an Tankstellen horrend ist. So wurden bis jetzt nur rund 10 000 Autos verkauft.

Bei Toyota sieht man das Ganze dennoch nicht als Misserfolg, als Verlustgeschäft schon gar nicht. Für den Mirai hat der Konzern die grundsätzlichen Baupläne offengelegt, damit auch andere Autobauer an der Weiterentwicklung der Technik mitarbeiten können. Letztes Jahr kündigte Toyota zudem an, zusammen mit dem niederländischen Institute for Fundamental Energy Research an einer photo-elektrochemischen Zelle zu arbeiten, die anhand von Sonnenlicht feuchte Luft in Wasserstoff umwandeln soll. Eines Tages, so heißt es seitens des Forschungsteams, sollen damit neben Autos auch Häuser beheizt werden.

Auch die Autobauer Nissan und Mazda arbeiten an Wasserstoffantrieben. In Japan ist man davon überzeugt, dass die Zukunft im Wasserstoff steckt. Japans Regierung hat sogar schon das Ziel vorgegeben, "eine Wasserstoffgesellschaft zu bauen". Das lässt sich die Regierung Milliarden kosten. Bis 2030 soll der Energiemix der japanischen Volkswirtschaft einen beträchtlichen Anteil Wasserstoff enthalten. Vor zu genauen Zielangaben hüten sich die Politiker zwar. Aber zu Beginn des nächsten Jahrzehntes sollen im Land 900 Wasserstofftankstellen stehen, 1200 Wasserstoffbusse fahren und 5,3 Millionen Haushalte mit Wasserstoff versorgt werden.

Außerdem will Japan laut seiner Wasserstoffstrategie auch die "internationale Standardisierung" anführen. Bisher wird Wasserstoff selbst vor allem als Abfallprodukt der chemischen Industrie gewonnen, also keineswegs klimaneutral. 2030 will man einen vollständig CO2-neutralen Weg der Wasserstoffherstellung etabliert haben. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Zukunft der Mobilität in Japan gebaut wird. Auch bei der Entwicklung von Elektro- und Hybridantrieben nahm Japans führender Hersteller Toyota die Vorreiterrolle ein – und viele Konkurrenten im Land folgten.

Auch diesmal verwundert nicht, dass sich gerade Japan zum Pionier entwickelt. Mit der Havarie des Atomkraftwerks Fukushima an der Nordostküste des Landes im März 2011 mussten zeitweise alle 54 Atomreaktoren heruntergefahren werden. Damit blieb der Zugang zu einer der bis dahin wichtigsten Energiequellen plötzlich verschlossen. Derzeit laufen wieder 9 der 37 noch verbleibenden Reaktoren im Land. Statt knapp 30 Prozent wie vor dem Atom-GAU wird heute nur noch fünf Prozent des Energiebedarfs aus Atomkraft gespeist. Dafür importiert Japan vermehrt Öl und Gas aus dem Nahen Osten, was teuer und angesichts der dortigen Konflikte auch unsicher erscheint. Wasserstoff soll diese Lücke mittelfristig schließen. Geforscht wird seit Jahrzehnten zu dem Thema. Rund 60 Prozent der weltweiten Patentanmeldungen zwischen 1974 und 2015 stammen aus Japan, nicht wenige davon aus dem Automobilsektor.