Literatur

Joanne Rowling: Alte Vorwürfe, neuer Roman

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 12. Januar 2021 um 19:17 Uhr

Literatur & Vorträge

Robert Galbraith’ alias Joanne Rowlings neuer Kriminalroman ist auf Deutsch erschienen – nach der Debatte um Transgender liest man ihn anders. Aber keine Angst: Es ist sehr guter Unterhaltungsstoff.

Natürlich könnte man sich – vor dem Hintergrund all dessen, was Joanne K. Rowling in den letzten Monaten widerfahren ist – fragen, warum die Verfasserin der "Harry-Potter"-Romane als bekennende Feministin für ihre zweite schriftstellerische Karriere ein männliches Pseudonym gewählt hat: Robert Galbraith. In Großbritannien, ihrem Heimatland, von wo aus sich ihr Ruhm über die USA in alle Welt verbreitete, sind die sieben Bücher über den Zauberlehrling, die ihre Autorin steinreich gemacht haben, unter dem Namen J. K. Rowling erschienen – offenbar, um Jungen, die angeblich nicht gern die Bücher von Frauen lesen, nicht von der Lektüre abzuschrecken. Sehr emanzipiert mutet das nicht gerade an.

Kurz vor Weihnachten ist auf Deutsch der fünfte Band von Robert Galbraith’ Krimiserie mit dem Protagonisten Cormoran Strike erschienen, einem Detektiv, der bei einem Kriegseinsatz in Afghanistan ein halbes Bein verloren hat, ansonsten ein Bär von einem Mann, der sich die Gefühle für seine Assistentin Robin – dieser Vorname müsste Transgender eigentlich entzücken – nicht eingestehen kann. Nach der Verfemung, die Joanne Rowling im Sommer erfahren hat, nachdem sie einen Post abgesetzt hatte, in dem sinngemäß stand, dass Menschen, die menstruieren, doch wohl Frauen seien, liest man die Werke der Autorin anders. Rowling sah sich einem gewaltigen Shitstorm gegenüber, der so weit ging, die Verbrennung ihrer Bücher zu fordern – oder gleich ihren eigenen Tod.

Man ist ja immer wieder erschrocken darüber, welche sinistren Kräfte das Netz zu entfesseln vermag – ein ähnlich gelagertes Beispiel war die Autobiographie von Woody Allen, die sein eigenen Verlag nach massiven Protesten nicht mehr drucken wollte. Solche Entwicklungen sind höchst bedenklich, greifen sie doch nicht nur in massiver Weise das Recht auf Meinungsfreiheit an, sondern vermischen auch Autor und Werk auf gefährlich kurzsichtige Weise.

Joanne Rowling, von der Gemeinde der Trans-Aktivisten als "TERF" gebrandmarkt, "trans-exclusionary radical feminist", was immer das heißen mag, sah sich genötigt, auf ihrer Homepage eine ellenlange rechtfertigende Erklärung abzugeben. Sie sei allen empfohlen, die sich ohne ideologischen Schaum vor dem Mund der Problematik nähern wollen. Dass Rowling erklären muss, dass sie nicht transphob sei, nur weil sie auf der Tatsache eines biologischen Geschlechts beharrt, offenbart die Verzerrung der Debatte. Und dass sie von der Sorge getrieben wird, eine Diffusion der Geschlechtszugehörigkeit könne sich negativ auf die Anliegen des Feminismus auswirken, scheint nachvollziehbar. Ob das zunehmende Bewusstsein einer Differenz zwischen nataler und empfundener Geschlechtszugehörigkeit, die gerade in der Pubertät zu tiefgreifenden Persönlichkeitskrisen führen kann, so weit gehen kann, dass sich junge Mädchen – heranwachsende Jungen nimmt Rowling nicht in den Blick – einer Hormonbehandlung unterziehen, ist schwer vorstellbar.

Wie aber konnte geschehen, was geschehen ist? Handelt es sich um einen neuen Tugendterror, der unter dem verräterischen Namen einer "cancel culture" eine die Gesellschaft in Interessengruppen spaltende Identitätspolitik betreibt? Oder geht es schlicht darum, für die Gleichbehandlung aller Gendervarianten zu kämpfen? Beruhigen kann in jede Richtung empörte Gemüter die Lektüre von "Böses Blut", auch wenn der Titel keineswegs nach Beruhigung klingt. Rowling, das ist gewiss, versteht ihr Handwerk nach wie vor meisterhaft. Dass es einem bei der Lektüre von 1194 Seiten – woher nimmt die Autorin nur Energie und Atem – kaum langweilig wird, ist erstaunlich.

Was sie schon bei der Harry-Potter-Heptalogie unter Beweis gestellt hat, kommt auch hier zum Tragen: Die Autorin spinnt ein so weitläufiges und zugleich engmaschiges Netz an Beziehungen und Begebenheiten, dass es dem Lesenden schwer fällt, alle Fäden in der Hand zu behalten. In "Böses Blut" geht es um das spurlose Verschwinden einer jungen Ärztin mitten aus London vor 40 Jahren – der Roman spielt 2014. Die Spuren eines so weit zurückliegenden Ereignisses zu rekonstruieren, erfordert naturgemäß den größten Scharfsinn. Ein Puzzle von Hinweisen setzt sich mühevoll zusammen, unterbrochen durch Einblicke der allwissenden Erzählerin in die Seelenzustände ihrer Protagonisten Cormoran Strike und Robin Ellacott. Wie es sich gehört, ist die junge Frau zehn Jahre jünger als ihr Chef, beide haben eine gescheiterte Beziehung beziehungsweise Ehe hinter sich. Robin hat, das wird nur angedeutet, den gewalttätigen Überfall eines Mannes erlebt – ein Trauma, das sie wie ihre Autorin geprägt hat. Keine Frage: Das ist guter Unterhaltungsstoff für lange Corona-Abende auf dem Sofa. Wenn der Roman schwer auf dem Magen liegt, ist das nur seinem erheblichen Gewicht zu verdanken. Das sollten auch die Transgender-Aktivisten so sehen.

Robert Galbraith: Böses Blut. Ein Fall für Cormoran Strike. Roman. Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz. Blanvalet Verlag, München 2020. 1194 Seiten, 26 Euro.