Junge Autoren zu Gast in WGs

Anika Maldacker

Von Anika Maldacker

Sa, 15. Februar 2020

Literatur & Vorträge

Zehn Jahre "Zwischenmiete": Die von Studierenden kuratierte Lesereihe hat sich in Freiburg etabliert.

Die fünf Frauen an einem Tisch im Freiburger Jos-Fritz-Café sehen wie eine Freundinnenclique aus. Doch sie sind mehr als das. Alle vier bis sechs Wochen treffen sie sich hier, um zu entscheiden: Wer liest bei der nächsten "Zwischenmiete"-Lesung in einer Freiburger WG? Das Quintett ist das Team hinter der studentischen Lesereihe, bei der dreimal pro Semester literarische Newcomer lesen. Vor zehn Jahren feierte sie Premiere. Statt im Literaturhaus oder im Theater finden die Lesungen in WGs statt. Ilana Baden, 24, Sophie Jones, 27, Laura Ruppert, 25, Fränzi Spengler, 26, und Laura Sturtz, 25, sind Masterstudierende an der Albert-Ludwigs-Universität – und Literaturwissenschaftlerinnen.

"Zwischenmiete" wurde 2010 von Stefanie Stegmann, Leiterin des Literaturbüros, dem Vorgänger des Literaturhauses, ins Leben gerufen. Bis heute ist die Reihe zwar ans Literaturhaus angedockt, aber sie liegt in den Händen eines unabhängigen Teams junger Leute. "Alle zwei bis drei Jahre wechseln die Teams", sagt Literaturhaus-Leiter Martin Bruch, "damit die Reihe lebendig bleibt und neue Impulse gesetzt werden".

Auch die Neuen wollen die Lesereihe anders ausrichten. "Wir wollen Diskurse anstoßen, politisch sein, Themen, die für Millennials interessant sind, behandeln", erklärt Laura Sturtz. "Auch aktuelle Themen wollen wir anreißen", fügt Sophie Jones hinzu. Die nächste Lesung mit dem serbischen Schriftsteller Marko Dinic hat so ein Thema: die Wahrnehmung des Jugoslawienkriegs, befeuert durch die Debatte um den Literaturnobelpreisträger Peter Handke, der wegen seiner Haltung zu Serbien vom Buchpreisträger Saša Stanišic kritisiert worden war.

Wie hat sich das Format gewandelt? "Es ist ein Publikumsrenner", sagt Martin Bruch. Er trifft sich mit dem Team, gibt Tipps, bespricht die Lesungen, ohne sich einzumischen. Es mache sich eine größere Offenheit für neue Genres bemerkbar. "Es gibt Interesse an Graphic Novels oder daran, mit Musik zu experimentieren", sagt er. Bisher hat das Quintett drei Lesungen organisiert. "Zwischen 50 und 90 Besuchern sind gekommen", sagt Ilana Bader. Genug, um eine Freiburger Durchschnitts-WG zu füllen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer lassen sich auf Sofas, Sesseln, Küchenstühlen und Böden nieder. Wer liest, entscheidet das "Zwischenmiete"-Team gemeinsam. Die Leseexemplare erhalten die fünf vom Literaturhaus. Jede liest für sich und erstellt ein Ranking. Wichtig ist, dass der oder die Lesende (noch) nicht etabliert ist. "Wir wählen aus Romandebüts oder Zweitwerken aus", erklärt Fränzi Spengler.

So wie Marko Dinic. Er hat 2019 sein Romandebüt "Die guten Tage" veröffentlicht. Das Werk des 1988 geborenen Autors ist eine Abrechnung mit der Generation, die als Kinder den Jugoslawienkrieg miterlebt hat. Dinic wird in der Wohngemeinschaft von Sophie Jones untergebracht. "Wir versuchen meistens, die Autorinnen oder Autoren dort, wo sie lesen, einzuquartieren", erklärt sie. In der WG, in der die Lesung stattfindet, seien derzeit aber alle im Prüfungsstress. Für die Lesung öffnet die WG ihren Dachboden.

Als Lohn für seine Arbeit spendiert das Literaturhaus dem Team einen Aufenthalt auf der Leipziger Buchmesse. Dort vernetzt sich das Team mit anderen Gruppen des Vereins Unabhängiger Lesereihen. "Zwischenmiete" ist Mitglied und Vorreiter. Das Format wurde inzwischen in anderen Städten wie Köln, Stuttgart und Düsseldorf etabliert – nach Freiburger Vorbild.

Zwischenmiete mit Marko Dinics Romandebüt "Die guten Tage" am Montag,
17. Februar, 20 Uhr, Jacobistr. 1, Freiburg.