Berlin

Junge Klimaaktivisten setzten ihren Hungerstreik fort

Verena Schmitt-Roschmann

Von Verena Schmitt-Roschmann (dpa)

Mi, 15. September 2021 um 17:40 Uhr

Deutschland

Seit mehr als zwei Wochen befindet sich eine Gruppe junger Erwachsener im Berliner Regierungsviertel im Hungerstreik für mehr Klimaschutz. Allmählich wächst die Sorge über ihren Gesundheitszustand.

Simon Helmstedt ist ein schmaler junger Mann mit blassblauen Augen und blondem Pferdeschwanz. Schon vor zwei Wochen, an Tag drei seines Hungerstreiks für eine radikale Klimawende, wirkte der 22-jährige Biologiestudent hohlwangig, hager, geschwächt. Jetzt kann sich Helmstedt kaum noch auf den Beinen halten. Er sitzt auf einem Plastikstuhl auf der Wiese im Klimacamp in der Nähe des Berliner Reichstags. "Die letzten drei Tage waren hart", sagt Helmstedt. Er habe ans Aufhören gedacht. "Aber... nein." Die Ziele seien noch nicht erreicht. Es geht weiter.

Die Ziele der sechs Hungerstreikenden – das ist zum einen ein öffentliches Gespräch mit den drei Kanzlerkandidaten über die Klimakatastrophe, zum anderen die Einsetzung eines Bürgerrats, der der Politik Sofortmaßnahmen zum Klimaschutz vorgeben soll. Die Angesprochenen – Armin Laschet (CDU/CSU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) – haben inzwischen die Hungernden aufgefordert, die Protestaktion abzubrechen. Dann seien die Kandidaten zu Gesprächen bereit, nach der Bundestagswahl, einzeln und nicht öffentlich.

Die Forderungen scheinen fast harmlos, gemessen an der Radikalität der Mittel. Die Aktivisten verweigern inzwischen auch verdünnte Fruchtsäfte, nehmen nur noch Wasser zu sich und Vitaminpillen, so sagen sie. Immerhin schauen Ärzte und Sanitäter nach ihnen. Mehrfach seien einige zusammengeklappt, sagt die Pressesprecherin der Aktion, die 20-jährige Hannah Lübbert. Am Dienstagnachmittag geht es dem hungernden Jacob Heinze so schlecht, dass seine Gefährten einen Krankenwagen rufen. Der 27-Jährige wird in die Charité gebracht, kurz darauf wieder entlassen.

Auf Twitter hat er vorher geschrieben: "Seien wir ehrlich zueinander. Wir sind komplett am Arsch." Es blieben nur drei Jahre Zeit für die Klimawende, doch keine der Parteien bei der Bundestagswahl nehme die Gefahr von unumkehrbaren Kipppunkten ernst. Es gelte, "das tödliche Weiter-So zu verhindern. Es geht um alles."

Die Wortwahl ist drastisch, die Verzweiflung spürbar. Sie nennen sich "die letzte Generation", die noch etwas gegen den Klimawandel tun könne. Sie verweisen auf Erkenntnisse des Weltklimarats IPCC. Der Politik werfen sie "Verrat" vor und "Mord an der jungen Generation". Nach 30 Jahren Klimadebatte, nach drei Jahren Protest von Greta Thunberg, nach zwei Jahren Massendemonstrationen von Fridays for Future und Aktionen der Extinction Rebellion: Einige der jungen Leute haben die Geduld verloren.

Bei Demonstrationen zur Automesse IAA in München gab es vorige Woche vereinzelt sogar Gewalt. An zwei von Aktivisten besetzten Bäumen nutzte die Polizei Schlagstöcke und Pfefferspray, weil sich Beamte bedrängt fühlten. Driften einige in der Klimabewegung ab? "Ich hoffe nicht, weil ich mag keine Gewalt", sagt Aktivist Helmstedt. "Aber ich kann Menschen verstehen, die Gewalt anwenden, wenn ihr Leben bedroht ist. Und genau das ist es gerade."

Weil sie mit den Büros von Laschet, Scholz und Baerbock nach eigenen Angaben nicht weiterkamen, setzten sie den drei Kandidaten selbst einen Termin für das geforderte öffentliche Gespräch: 23. September, drei Tage vor der Bundestagswahl. "Trotz unterschiedlicher politischer Positionen stimmen Frau Baerbock, Herr Laschet und Herr Scholz darin überein, dass sie diese Art des Protests nicht angemessen finden", erklärten die Grünen im Namen der drei Kontrahenten. An die Aktivisten appellierten sie: "Es ist wichtig, dass Sie Ihr Leben schützen. Die Gesellschaft braucht Ihr Engagement."