Lesung in Riegel

"Kalter Nebel" erinnert an den Protest gegen das geplante Kraftwerk in Wyhl

Benedikt Sommer

Von Benedikt Sommer

Do, 23. Januar 2020 um 21:57 Uhr

Literatur & Vorträge

Eine bewegende Geschichtsstunde: Julia Heinecke liest am Kaiserstuhl aus ihrem Wyhl-Roman "Kalter Nebel", der den Akw-Konflikt der 70er Jahre beleuchtet – und erhält Lob von Zeitzeugen.

"Kalter Nebel" lautet der Titel des Wyhl-Romans der Freiburger Autorin Julia Heinecke. Am Mittwoch las sie im Bürgerhaus Alte Schule und präsentierte ihr Buch damit erstmals in einer Gemeinde am Kaiserstuhl. Gut 50 beeindruckte Zuhörerinnen und Zuhörer erlebten im Bürgerhaus eine spannende und bewegende Geschichtsstunde.

"Wer von Ihnen war damals nicht auf dem Bauplatz?" Julia Heinecke
Wäre das berühmte Streichholz gefallen, hätten sicher alle empört aufgeblickt. So gebannt und aufmerksam folgte das zumeist ältere Publikum der Lesung von Julia Heinecke. Die anfangs durchaus eine gewisse Anspannung zeigte. Es gehört schließlich Mut dazu, als Außenstehende – Heinecke lebt zwar schon lange in der Region, wurde aber "erst" 1971 in Schleswig-Holstein geboren – einen fiktionalen Text über ein so "junges" Ereignis zu verfassen, das eine ganze Region bewegte, und daraus dann "in der Höhle des Löwens" vorzulesen. "Wer von Ihnen war damals nicht auf dem Bauplatz?", hatte die Autorin zu Beginn des Abends gefragt, und so herausbekommen, dass es sich etwa bei der Hälfte der Anwesenden um direkte Zeitzeugen handelte. Und die Restlichen kannten sicher jemanden, der dabei war. Doch schnell wurde deutlich, dass hier offensichtlich sorgfältig recherchiert worden war. Ab und zu ließ sich ein gemurmeltes "Genau", "So war’s" vernehmen, und alle konnten sich auf die spannende Geschichte konzentrieren.

Denn – Hand aufs Herz – wer außer den damaligen Akteuren, kennt nach bald einem halben Jahrhundert noch die Details dieser großen Geschichte, die für viele gesellschaftspolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte ein Auslöser war? Die alles bietet, von der Heldensaga des erfolgreichen Widerstands bis zum Politkrimi, ja bis zur Farce.

Wer aus der jüngeren Generation weiß noch, dass das Kraftwerk ursprünglich in Breisach gebaut werden sollte, dass die Winzer aber damals wegen des Kühlturmnebels einen verstärkten Pilzbefall ihrer Reben fürchteten? Dabei sei ein Atomkraftwerk nur mit einem Teekessel auf einem Stövchen zu vergleichen, behaupteten die Betreiber schamlos auf der entscheidenden Bürgerversammlung in Wyhl, und luden zu Kaffeefahrten ins nächste AKW ein.

Wer weiß, dass dem Konflikt ein ähnlicher Fall im benachbarten Marckolsheim vorausging und Elsässer und Kaiserstühler sich im gemeinsamen Widerstand wieder einander annäherten? Wer erinnert sich noch an die unverblümt martialische Rhetorik eines Ministerpräsidenten, den bald seine eigene Vergangenheit einholen sollte? An die entscheidende Nacht auf dem zurückeroberten Baugelände, als ein evangelischer Gemeindepfarrer seine Kontakte zum Landesbischof nutzte, und so eine Eskalation der Gewalt vermieden wurde? Als die Räumung um den einen Tag verschoben wurde, der bis heute andauert? Von absurden Details wie dem Stromausfall bei einem Fußball-Länderspiel einmal ganz abgesehen. Vom An- bis zum Abpfiff gab es rund um den Kaiserstuhl bis nach Freiburg keinen Strom. Eine reine Sicherheitsmaßnahme aufgrund der Bombendrohung von Kommunisten auf das Umspannwerk in Eichstetten, gaben laut Heinecke die Sicherheitskräfte später bekannt.

Der Kunstgriff, eine Familiengeschichte zu erzählen

Julia Heinecke präsentierte die ganze Geschichte. Und nicht nur mit Auszügen aus dem im September erschienen Roman, der das dritte Buch einer kleinen Schwarzwälder Familiensaga ist. Sie, die für ihr Buch auch zahlreiche Gespräche mit den Einwohnern und Akteuren in den betroffenen Gemeinden führte, erzählte auch das "Drumherum", präsentierte Fotos und O-Ton-Aufnahmen. Und ließ sich dabei von ihrer eigenen Begeisterung für den Stoff mitreißen.

"Ich freue mich darüber, wie sehr Sie in dieser Geschichte zuhause sind. Sie sind eine Geschichtsschreiberin." Günter Richter
Mit dem Kunstgriff, eine Familiengeschichte zu erzählen, gelingt es ihr zu zeigen, wie der Riss damals durch die Gemeinden und die ganze Bevölkerung der Region ging. Wie erbittert die Auseinandersetzung geführt wurde, in der sich die Befürworter, die sich vom Bau des Kraftwerks Arbeitsplätze und Wohlstand erhofften, mit den Umweltschützern begegneten.

Der oben erwähnte Pfarrer aus Weisweil, Günter Richter, war übrigens auch im Publikum. "Ich freue mich darüber, wie sehr Sie in dieser Geschichte zuhause sind. Sie sind eine Geschichtsschreiberin", lobte er im Anschluss die Autorin. Man fühle sich geradezu in die Zeit hineinversetzt. Es sei eine prägende Zeit damals gewesen, erinnerte er sich, und betonte die Verantwortung der älteren Generation, ihr Wissen weiterzugeben. Mit dem Roman von Julia Heinecke geschieht dies auf leicht verständliche und unterhaltsame Weise.
Info: Der Roman von Julia Heinecke, Kalter Nebel: Widerstand am Kaiserstuhl, ist 2019 im Badischen Landwirtschafts-Verlag erschienen und kostet 15,80 Euro.

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