Keine Angst vor brisanten Stoffen

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

So, 25. Oktober 2020

Theater

Die Festspielgemeinde Bad Säckingen spielt die Satire "Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel" von Theresia Walser.

Lange musste die Festspielgemeinde Bad Säckingen daran arbeiten, bis das Theaterensemble die Rechte an einer Satire der in Freiburg lebenden Autorin Theresia Walser erhielt. Nun ist endlich Premiere.

Wie Giftpfeile schwirren die bitterbösen Gemeinheiten zwischen den Diktatoren-Gattinnen in dem Stück "Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel" hin und her. Die Dialoge müssen vom Timing her sitzen: eine Herausforderung für ein Amateurensemble wie die Festspielgemeinde Bad Säckingen. Die ambitionierte Theatergruppe hat sie angenommen und bringt die satirische Komödie der in Freiburg lebenden Dramatikerin Theresia Walser in einer überzeugenden Inszenierung auf die Bühne.

Die Produktion ist das beste Beispiel dafür, dass dieses Ensemble keine Angst vor unbequemen Stücken und brisanten Stoffen hat und mit semiprofessionellem Anspruch ans Werk geht. Das theaterbegeisterte Ehepaar Renate und Günter Kraus, seit seiner Gründung 1993 im Ensemble aktiv, hatte Walsers Stück am Theater Basel gesehen, war begeistert und bemühte sich um die Rechte für eine Aufführung. Im Oktober hat es nach halbjähriger Corona-Zwangspause endlich geklappt mit der Premiere.

Die Darstellerinnen kommen mit den Rollen der Frauen von Despoten gut zurecht, die an reale Figuren der Zeitgeschichte wie Imelda Marcos, Margot Honecker, Leila Ben-Ali, Suzanne Mubarak und Asma Assad angelehnt sind. Renate Kraus als hochnäsige, gehässige und zynische "Frau Imelda", Hilde Butz als ideologisch verbissene "Frau Margot" und Sandra Lutz als luxusverwöhnte "Frau Leila", die ihre Vertreibung aus dem Palast beklagt, liefern sich einen so pointierten Schlagabtausch, dass sie keine Vergleiche mit professionellen Schauspielerinnen scheuen müssen. Inmitten dieser entmachteten Machtfrauen behauptet sich Detlef Bengs als Dolmetscher, der zum Manipulator wird und das Geschehen ins Absurde treibt. "Die Texte, die Figuren und die Dialoge müssen aus sich heraus wirken", beschreibt Regisseur Günter Kraus die Gratwanderung zwischen Lachen, bissiger Groteske und bitterem Ernst in dieser Satire. Dass die Rollen der Diktatoren-Gattinnen bestes "Schauspielfutter" hergeben, weiß Hilde Butz zu schätzen: "Man merkt, dass die Autorin selber Schauspielerin ist und beide Seiten der Bühne kennt."

Die Festspielgemeinde nimmt sich immer wieder aktuelle Stücke von gesellschaftlicher und politischer Relevanz vor, die man eher in Stadttheatern und von professionellen Bühnen erwarten würde. Auf ihrem Spielplan stehen nicht nur Boulevard-Kracher, sondern oft Stoffe mit kritischem Hintergrund und rabenschwarzem Humor. Etwa "Frische Luft" über das dreckige Geschäft mit sauberer Luft und die Machenschaften von Konzernen, oder "Geld" über die geldgierige Gesellschaft. Als das Ensemble 2004 die musikalische Komödie "Oben" von Georg Kreisler, eine Satire über Ärzte, Korruption und Machtgier, aufführte, kam der österreichische Meister des schwarzen Humors als Ehrengast zu einer Vorstellung. Danach, so erinnert sich Renate Kraus, ging er mit den Theaterleuten Essen und erklärte, die Inszenierung habe ihm "gut gefallen". Kreisler hatte Renate Kraus sogar erlaubt, ein paar Änderungen am Stück vorzunehmen. Die Episode Kreisler ist eine der denkwürdigsten in der Geschichte der Festspielgemeinde. Bei fast allen Stücken in den vergangenen 25 Jahren hat Renate Kraus Regie geführt. Sie hat sich am Theater Basel fortgebildet, das Ensemble ließ sich in Kursen von professionellen Theaterpädagogen schulen. Wenn schon Unterhaltung, dann mit Niveau und Esprit, lautet ihre Devise. Sie ist es auch, die im Vorfeld Stücke von Theaterverlagen liest und eines vorschlägt, das mit der vorhandenen Besetzung machbar ist. Sie legt Wert auf "intelligente Komödien", die "Sprachwitz haben und nicht nur oberflächlich Gag an Gag reihen". Mit der aus Breisach stammenden Hilde Butz, seit der ersten Stunde mit dabei, hat das Ensemble eine Darstellerin, die selber Theaterstücke schreibt. Drei davon wurden aufgeführt, darunter die Kleinstadtsatire "Brömmel muss weg!", eine freie Abwandlung von Dürrenmatts "Besuch der alten Dame", und "Männerlos", die Vision über eine Welt, in der Männer durch Roboter ersetzt werden.

In den Anfangsjahren hat das Ensemble im Pavillon des Schlossparks gespielt, wo ein alter Bauwagen als Garderobe herhalten musste. Seit 2008 können die Akteure im eigenen Domizil im "Festspiel-Gemeindehaus" ihrer Leidenschaft nachgehen.

Nächste Aufführung: 25. Oktober, 19.30 Uhr.Informationen: http://www.festspielgemeinde.de