"Keine Planungssicherheit"

Anita Fertl

Von Anita Fertl

Mi, 03. März 2021

Beruf & Karriere

Interview über die Lage und Herausforderungen des Handwerks im Kreis Lörrach.

Insgesamt mehr als 15 000 Beschäftigte stehen bei knapp 2600 Handwerksbetrieben im Kreis Lörrach in Lohn und Brot. Kreishandwerksmeister Martin Ranz und Geschäftsführer Daniel P. Herkommer vertreten ihre Belange. Anita Fertl hat mit ihnen ein Resümee des Krisenjahrs gezogen und über die Ausbildungssituation gesprochen.

BZ: Herr Ranz, der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hat für 2020 von einer konjunkturellen Achterbahnfahrt gesprochen. Trifft das auch für das Lörracher Handwerk zu?
Ranz: Ja, 100-prozentig. Denn das Problem ist, dass sich die Lage täglich oder wöchentlich ändert, wir haben keine Planungssicherheit. Deshalb kann man auch nicht sagen, wer momentan direkt betroffen ist im Handwerk.
BZ: Der ZDH hat auch erstmals seit 2013 ein Umsatzminus festgestellt. Wen trifft es am stärksten?
Ranz: Friseure zu 100 Prozent, auch die Bäcker und Metzger sind im Handwerk hier bei uns am stärksten betroffen. Bäcker und Metzger haben zum einen ein Ladengeschäft, zum anderen verkaufen sie an Veranstaltungen. Die sind alle weggebrochen. Andere Gewerke können teils sogar ein Umsatzplus verzeichnen, während in denselben Gewerken je nach Gegend und Auftraggeber Verluste eingefahren werden.
BZ: Ist es nicht dennoch stark gewerkeabhängig? Auf dem Bau kann ja trotzdem gearbeitet werden.
Herkommer: Es kommt auf die Ausrichtung der Betriebe an. Umfragen in 2020 haben gezeigt, dass es selbst innerhalb eines Gewerkes große Unterschiede gibt – beispielsweise hat das SHK-Handwerk aufgrund der Förderung von neuen Heizungen gut zu tun. Manche haben dadurch Arbeit und sind ausgelastet. Andere sind stark auf die Industrie ausgerichtet. Dort fallen Aufträge weg oder Investitionen werden zurückgestellt, die Betriebe müssen Kurzarbeit anmelden. Daher ist es schwierig, eine pauschale Aussage zu treffen. Grundsätzlich ist das Handwerk 2020 relativ gut durch die Krise gekommen – mit Ausnahmen.
BZ: Wie ist die Lage aktuell?
Herkommer: Die Mittel, die zur Verfügung stehen oder gestellt werden sollen, sind bei Weitem noch nicht angekommen. Medienwirksam wird gesagt, was für Milliarden in die Hand genommen werden. Aber man muss sich anschauen, was tatsächlich ausschüttbar ist oder wer den Antrag stellen kann. Wie etwa bei der Auszubildenden-Prämie von 2000 Euro pro Lehrling. Das bekommt aber nur, wer a) Kurzarbeit angemeldet hat, b) im Vorjahr nicht mehr oder gleichviele Lehrlinge gehabt und c) einen gewissen Umsatzrückgang hat – wenn diese drei Kriterien zusammentreffen, dann hat niemand mehr einen Lehrling.
Ranz: Über kurz oder lang werden viele Betriebe Probleme haben. Wenn das jetzt noch lange so weitergeht und die ganzen Zahlungen, die vom Bund zugesichert sind, nicht alle eintreffen, dann wird es zum Firmensterben kommen.
BZ:
Viele Kunden sind unsicher, ob sie Handwerksaufträge vergeben können.
Ranz: Das ist kein Problem. Im Handwerk haben wir genau die gleichen Sicherheitsgesetze wie jeder andere Betrieb auch. Das heißt, es wird Abstand gewahrt, es stehen Desinfektionsmittel bereit, es sind Schutzmasken da. Wir haben letztens bei einer 95-jährigen Kundin ein neues Schlafzimmer eingebaut. Sie war kurz mit Maske da und hat es abgenommen, wir haben gelüftet, sind gegangen – alles perfekt. Sie hatte keine Angst.
BZ: Was sagt das Minus von 11,9 Prozent bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen 2020 aus?
Herkommer: Das ist die Auswirkung von Corona. Die ganzen Maßnahmen des Handwerks wie Praktika, die Olympiade der Talente oder die Joberkundungstage an der Gewerbeakademie waren 2020 nur bedingt oder gar nicht möglich. In diesem Zusammenhang ist dieses Minus im Rahmen.
Ranz: Das Image des Handwerks hat gewaltig aufgeholt: Wir haben viel mehr Abiturienten im Handwerk und auch die Anzahl der Damen ist erheblich gestiegen – auf etwa 20 Prozent.

Martin Ranz (58) ist seit 2019 Kreishandwerksmeister im Kreis Lörrach, engagiert sich in weiteren Posten für das Handwerk in der Region und führt eine Schreinerei in Weil am Rhein.
Daniel P. Herkommer (51) ist als gelernter Industriekaufmann und Bilanzbuchhalter ebenfalls seit 2019 Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Lörrach.