Kirchzarten

Ein Konzert wie ein Befreiungsschlag

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Mo, 06. Juli 2020 um 21:19 Uhr

Kirchzarten

Ein Lichtblick in der Pandemie: Beim Open-Air-Doppel-Event der Lumik-Konzertreihe in der Talvogtei in Kirchzarten treffen Goldberg Variationen auf Fusion-Jazz.

Wie bei allen öffentlichen Kulturveranstaltungen mussten wegen der Corona-Krise auch für 2020 geplante Termine der Reihe Literatur und Musik in Kirchzarten (Lumik) entweder ausfallen oder verschoben werden. Durch die Lockerungen war es nun möglich, mit beschränkter Stuhlzahl im Innenhof der Talvogtei das Doppelkonzert "Goldberg Variationen" mit dem Michael-Dinnebier-Streicher-Trio und "Jazz meets Poetry" mit der Fusion Band Flo & Fauna zu veranstalten.

Das Interesse war groß

Beide Konzerte waren schnell ausverkauft, und das Kirchzartener Künstlerehepaar Kirsten Ecke und Michael Dinnebier trat als Initiator der Lumik-Reihe mit spürbarer Erleichterung vor das Publikum. "Wir sind froh und glücklich, dass wir endlich wieder für leibhaftige Menschen in direktem Kontakt spielen dürfen", sagte Kirsten Ecke und dankte sichtlich bewegt allen, die dies möglich gemacht hatten. Sie nannte die Rathausspitze mit Bürgermeister Andreas Hall und Hauptamtsleiter Oliver Trenkle, die Leiterin der Mediathek, Angelika Manz, Katrin Schmidt von der Bücherstube Kirchzarten, die Sponsoren EWK und Hörgeräte Lehmann sowie das große ehrenamtliche Helferteam.

Michael Dinnebier führte in die Goldberg-Variationen ein. Dieses Werk schrieb Johann Sebastian Bach ursprünglich für zweimanualiges Cembalo, erst im 20. Jahrhundert entstanden Bearbeitungen wie etwa von Annette Bartholdy für Streicher-Trio, die er nun an der Violine zusammen mit Jean-Éric Soucy (Viola) und Hilmar Schweizer (Violoncello) vortragen werde. Sie biete einerseits den Vorteil der zusätzlichen Gestaltungsmöglichkeiten eines Streicher-Trios gegenüber dem Cembalo, andererseits die technische Schwierigkeit, die häufigen Handwechsel des Originals adäquat und virtuos zu interpretieren.

Zuvor gehörte die Bühne aber Sprecherin Gaby Beinhorn, die ausdrucksstark die erste Episode aus der "Kreisleriana" von E.T.A. Hoffmann rezitierte. Darin leidet der Kapellmeister Johannes Kreisler ungeheuerlich unter den Abendgesellschaften des geheimen Rats Röderlein, genauer gesagt unter der musikalischen Ignoranz seiner Gäste. Dort wurde er stets zum Vorspielen genötigt, und er kredenzte, zum Improvisieren aufgefordert, die Goldberg-Variationen von Bach. Die feine Gesellschaft, überfordert von der Macht der Musik, verschwand nach und nach im Spielsaal, und so erwachten die Noten in der Erzählung allein für ihren Interpreten zum Leben. Dies taten sie für alle, als das Trio in der Talvogtei zu spielen begann.

Der unterschiedliche Charakter der Variationen, leidenschaftlich von drei höchst virtuosen Musikern (alle sind unter anderem führende Mitglieder hochkarätiger Sinfonie-Orchester) vorgetragen, entführten die Zuhörer in alle Gefühlslagen, die das Leben so bietet, von tiefer Trauer bis zu freudigem Taumel. Entsprechend stürmisch war der Beifall, der die Künstler zu drei Zugaben nötigte.

Szenenwechsel beim zweiten Konzert: Das junge Fusion-Jazz Trio Flo & Fauna aus Florian Hartz (Bass), Lukas Langguth (Keys) und Jakob Dinnebier (Drums) bot eine mitreißende Melange aus Jazz-, Pop- und Rockelementen in verblüffender Vielfalt. Unbekümmerter Esprit (alle drei sind noch Jazz-Studenten) paarte sich mit ausgefeilter Beherrschung ihrer Instrumente. So konnte sich der Einsatz von technischem Effekt-Gerät auf ein Minimum reduzieren. Die atemberaubenden Soli, die zu keinem Zeitpunkt etwa einer eitlen Selbstdarstellung frönten, sowie die ständigen Wechsel komplexer und dennoch eingängiger Rhythmen ernteten oft Beifall und Jubel auf offener Szene.

Dazu passten vorzüglich die zwischen die einzelnen Musiktitel geschobenen Texte der Poetry Slammerin Cäcilia Bosch. Mit illusionslosem, analytischem Blick brachte sie aktuelle Menschheitsprobleme wortgewaltig, aber ohne jede billige Kraftmeierei auf den Punkt. Und mit einer Portion Selbstironie wie bei ihrer Reflexion der eigenen Bühnensituation: "Ich Tiger – ihr Dompteure. Ich Spieler – ihr Voyeure."

Ein gelungenes Doppelkonzert, das Künstler und Publikum nach langer Durststrecke als Befreiungsakt empfanden. So sind denn auch die Lumik-Initiatoren gewillt, weiter zu machen. Dabei helfen soll die Gründung des lange geplanten Fördervereins.
Wer Interesse hat an einem Förderverein, kann in eine Liste eingetragen – auch per Mail an lumik@mail.de.