Das Katholische an Bruckner

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 22. Juli 2019

Klassik

Kent Nagano und das SWR Symphonieorchester spielen in Freiburg die 6. Sinfonie – und Schönberg.

Fünf kurze finale Akkorde, überraschend unspektakulär, fast geschäftsmäßig, dann ist Arnold Schönbergs Klavierkonzert vorüber. Die Solistin kostet die Stille danach nicht aus, im Gegenteil: Ein kurzer Moment, dann steht Mari Kodama auf, bedankt sich mit Handschlag bei der Konzertmeisterin und wendet sich dem Applaus zu. War da was? Nun ja, die überaus kraftvolle, elektrisierende Interpretation eine Konzerts, das trotz der späten Entstehungszeit – 1944 – stark rückwärts gedacht ist. Die Solistin weiß es und legt doch mit einer Zugabe nach, die man auf das Opus 42 des Zwölftöners Schönberg nicht erwartet hätte: den ersten Satz aus Beethovens Sonat(in)e op. 49 Nr. 2 – ein Stück das jeder Klavierschüler irgendwann heruntergenudelt haben mag. Mari Kodama bewegt sich an der Grenze zu einer "geschickten Einfachheit", wie es die Musikwissenschaftlerin Larissa Kirillina beschreibt. Ein Kontrapunkt zu Schönberg? Oder gar eine Katharsis?

Es wird das Geheimnis der Interpretin bleiben. Festzuhalten bleibt, dass ihr im ausverkauften Freiburger Konzerthaus zusammen mit ihrem Mann Kent Nagano am Pult des SWR Symphonieorchesters eine mehr als routinierte, inspirierte Interpretation des Konzerts gelang. Mit zwei ganz im Geiste der Brahms-Zeit gestalteten Solokadenzen; nicht von ungefähr genießt dieses Werk den Ruf, an die Spätlese-Romantik anzuknüpfen.

Der Abend bietet ein Programm ganz im Sinne von Kent Naganos Dramaturgie des Kontrastreichtums. Vor der Pause Schönbergs Klavierkonzert: klanglich brillant und in leuchtenden Farben – mit scharfen (gestopften) Blechbläsern und Streichern, insbesondere den Violinen, die den obertonreichen – Wiener – Geigenklang mit Nonchalance pflegen, zumal im Finale, mit seinen dezenten Zuckerbäckerklängen. Mari Kodama spielt mit elegantem, federndem Anschlag, erfolgreich darum bemüht, den trockenen, analytischen Schönberg in den Schatten des vermutlich von Heimweh geplagten Komponisten im amerikanischen Exil zu stellen.

Nach der Pause eine Wiener Sinfonie eines introvertierten Oberösterreichers: Anton Bruckner Sechste. Mag man Kent Nagano oft den allzu trockenen Formanalytiker vorgeworfen haben – an diesem Abend bleibt der 67-Jährige kein Brucknerisches Pathos schuldig. Und das SWR Symphonieorchesters liefert: mit spürbarer Lust und Leidenschaft. Nagano scheut nicht das Katholische an dieser Musik, die ihr Schöpfer auch noch als "keck" bezeichnet haben soll. Er verwandelt das Orchester in eine überdimensionale Orgel, aus der der Kontrapunkt der Mittelstimmen überdeutlich herauszuhören ist.

Trotzdem sind es gerade die zarten Passagen, die seine Interpretation spannend machen. Etwa die dahingetupften Pizzicati der Streicher im Trio des Scherzo. Trotzdem – die überlangen Zäsuren zwischen den Sätzen und der kunstreligiöse Klangrausch führen diese Sechste in Extreme, die wohl nur wahre Bruckner-Verehrer verstehen. Den anderen bleibt die Hoffnung auf den nächsten Brahms.