Engelsgesang und klingende Transzendenz

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 06. Mai 2019

Klassik

BADENWEILER MUSIKTAGE:Das Quatuor Béla mit Julia Wischniewski und das Boulanger-Trio mit Kilian Herold.

Muss es sein? Muss ein Motto sein? Die beiden Konzerte des zweiten Teils der Badenweiler Musiktage unter dem Titel "Frühling. Erwachen." unterstrichen vor allem eines eindrucksvoll: Was letztlich zählt, ist Qualität.

Béla-Quartett
Sie sind verkabelt. Für die vier Streicher des Quatuor Béla nichts Ungewöhnliches. Hat sich das 2006 gegründete Streichquartett aus Lyon doch vor allem der musikalische Moderne verschrieben. Wobei Elektronik in Robert HP Platz’ vor zwei Jahren beim Bonner Beethovenfest uraufgeführtem "Strings" für Streichquartett, Sopran und Elektronik kein Ausweis technokratischen Selbstzwecks ist. Diese Musik, die sich als Entwicklungsprozess von der Solovioline hin zum Engelsgesang mit vier im Kurhaussaal verteilten Streichern und einer Engelsstimme beschreiben lässt, wird ganz subtil durch Elektronik – räumlich – klangintensiviert: Ähnliches gilt dann auch für die sich im zweiten Teil hinzugesellende Stimme: Wobei Julia Wischniewskis berührender Sopran das Attribut "astral" verdient. Der Obertonreichtum, die brillante, glasklare Tongebung in der Höhe haben etwas überirdisch Schönes. Alban Nikolai Herbsts zwei vertonte Gedichte könnten in ihrem transzendenten Duktus keine bessere klangliche Entsprechung finden. Textverständlichkeit ist nebensächlich: Alles steht unter dem Primat des Klangs. An dessen berührender Genese hat die Live-Elektronik des Freiburger SWR-Experimentalstudios einen erheblichen Anteil. Wenn dann am Ende die Musik, dem Text folgend, ihre "Himmelfahrt" antritt, scheint dieses Werk tatsächlich im Sinne einer barocken Anabasis – Aufwärtsbewegung – abzuheben: Pizzicati klingen fort, hinein ins Universum. Wirklich delikat, ergreifend.

Dass das bei den Violinen alternierende Quatuor Béla sich durch einen besonders schönen, intensiv nach innen fokussierten Klang auszeichnet, unterstreicht es auch bei Janáceks "Intimen Briefen". Vermeintliche Defizite an Expressivität im ersten Satz gleicht die klangliche Ästhetik der vier Musici mühelos aus. Bei Beethovens Opus 135 zeigen die Interpreten, wie innig-warm sich der Spätherbst des Komponisten deuten lässt.
Boulanger-Trio

Beim Hören kann man sie kaum ausblenden: die Umstände der Entstehung in deutscher Kriegsgefangenschaft und der Uraufführung – letztere am 15. Januar 1941 im Lager Görlitz bei klirrender Kälte und mit dem Komponisten am Klavier. Jetzt bildete Olivier Messiaens "Quatuor pour la fin du temps" (Quartett auf das Ende der Zeit) den Abschluss der Badenweiler Musiktage. Eine Tonkunst, die unter die Haut geht. Dafür sorgte auch die eindringliche, ungemein feinsinnige Interpretation dieses Schlüsselwerks durch das Boulanger-Trio und Kilian Herold.

Für das, was Herold, der Freiburger Klarinettenprofessor, vor allem im solistischen dritten Satz (Abgrund der Vögel) an Farben, Intensität und Wandlungsfähigkeit bot: Dafür ist einzig der Superlativ am Platze. Bestes gilt es bei diesem Achtsätzer auch von den Etappen zu melden, bei denen die Boulanger-Damen unter sich blieben: im noblen Arioso von Ilona Kindts Cello (Teil V) oder beim wunderbaren Abgesang im letzten Satz mit Birgit Erz’ Violine. In beiden Fällen erwies sich Karla Haltenwanger als überaus sensible Klavierpartnerin. Gerade im E-Dur-Finale waren die Klänge dann fast nicht mehr von dieser Welt: Musik, die buchstäblich in die Höhe weist. Da versinnlicht Messiaen die Transzendenz des Christentums. So klingt Hoffnung – selbst in der Aporie eines Kriegswinters. Ein Werk, das in Satz VI ja sogar einen "Tanz der Raserei" impliziert. Vorgeführt wurde er mit packender Unisono-Präzision aller Beteiligten.

Zu einem Ensemble, das sich – nach den bedeutenden Pariser Komponistenschwestern Nadia und Lili – Boulanger-Trio nennt, passt es, französische Musik zu spielen. Genau das taten die Frauen des 2006 gegründeten und in Hamburg und Berlin ansässigen Trios. Da zeigte sich nachdrücklich, wie der späte Gabriel Fauré im Schlusssatz seines d-Moll-Klaviertrios von 1922 Scherzo und Finale verbindet. Da erfuhr Claude Debussys "Première Rhapsodie" für Klarinette und Klavier eine bis in die Stretta hinein lebendige Wiedergabe. Und Messiaens seltene "Vocalise Étude" von 1935 in der Version für Klarinette und Klavier war in der luftigen Leichtigkeit ein Appetizer für diesen französischen Abend, der ein volles Kurhaus verdient gehabt hätte. Und bei dem sich allein schon für Messiaens "Quatuor" der Weg durchs Schneetreiben nach Badenweiler gelohnt hat.