Komponist und Dirigent

Interview mit Pierre Boulez: "Schafft diesen Frack ab"

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 20. August 2009 um 11:58 Uhr

Klassik

Der Komponist und Dirigent Pierre Boulez gibt äußerst selten Interviews. BZ-Redakteur Alexander Dick bekam trotzdem einen Gesprächstermin mit Boulez – und sprach mit ihm nicht nur über Musik.

Nicht wenige bekommen heute einen verklärten Blick, allein wenn sie an seinen Bayreuther "Ring" denken. Pierre Boulez ist das, was man eine lebende Legende nennt. Als Komponist und Dirigent hat er die Musikgeschichte nach 1945 maßgeblich mitgeprägt – polarisierend mitgeprägt. Und er tut es immer noch, wie derzeit bei der Akademie des Lucerne Festivals. Alexander Dick unterhielt sich mit dem Ausnahmekünstler – nicht nur über Musik…

BZ: Herr Boulez, wir erleben im Augenblick eine gigantische Krise: Wirtschaftskrise, Finanzkrise, aber auch Vertrauenskrise. Trägt die Kunst eine Mitschuld?
Boulez: Nein, ich glaube, die Kunst ist ziemlich unabhängig. Die Erfahrungen des Nationalsozialismus usw. sind vorbei. Und ich glaube, die Regierungen sind überhaupt nicht an Kunst interessiert. Natürlich ist die Kunst abhängig vom Markt, besonders die Malerei. Es gibt keine Beziehung zwischen Kunst im Allgemeinen oder Musik im Besonderen zu den Regierungen oder der Krise.

BZ: Aber wäre es nicht wünschenswert, dass die Politik sich gerade in solchen Zeiten mehr für die Kunst interessierte?
Boulez: Nun, die Gefahr ist, dass die Kunst politisch vereinnahmt wird. Die Politiker geben Geld für Kunst in der Regel aus Prestigegründen. Wenn es nicht darüber hinaus geht, dann ist es gut. Alles andere aber, was die Unabhängigkeit der Kunst gefährdet, ist falsch.

BZ: Feudal?
Boulez: Genau.

BZ: Aber sollte sich die Kunst nicht manchmal mehr politisch einmischen? Sie haben vor vielen Jahren einmal den Satz geprägt: "Die Musik hat die Möglichkeit, die Dinge zu verändern." Würde sie das heute noch so unterschreiben?
Boulez: Ja, obwohl es schwierig ist. Es gibt immer gesellschaftliche Kreise, die heraus wollen aus der Routine, die etwas verändern wollen. Zum Beispiel nach dem Krieg: Da waren erst einmal in Deutschland die Leute, die reaktionär waren, verschwunden, aus guten Gründen. Das war die Chance für die progressiven Künstler, die die Gesellschaft verändern wollten. Und da diese sich im Wiederaufbau befand, wurden diese Leute auch akzeptiert. Aber so etwas hängt von den äußeren Umständen ab. Es gibt Momente, wo die Gesellschaft in sich unsicher ist und deshalb eine Tendenz hat, sich zu erneuern. Aber die Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft ist immer eine schwierige. Es ist, wie wenn man eine Autobahn renovieren muss, das geht nur Stück für Stück, denn der Verkehr muss immer weiter fließen.

BZ: Krisen bergen nun gerade die Chance in sich, dass sich Dinge rasant verändern. Was kommt nach ...

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