Liebesglück und Liebesleid

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

Do, 05. Dezember 2019

Klassik

Der Freiburger Barockconsort und das Freiburger Ensemble Recherche spielten im Burghof "Facetten der Liebe" durch .

Ach, die Liebe! Sicher, sie kann glücklich machen, und macht das auch, doch sie kann auch, und das gar nicht so selten, in eine Katastrophe führen wie in der alten Geschichte von Aphrodite/ Venus und Adonis. In den über alle Maßen schönen Sohn des Königs von Kypros verliebt sich Aphrodite/Venus so heftig, dass der Kriegsgott Ares/Mars in wilder Eifersucht einen Eber zwingt, ihn auf der Jagd zu töten. Die trauernde Verlassene bittet Zeus, ihr den Geliebten wenigstens für einen Teil des Jahres in die Oberwelt zurückzugeben, und Zeus erhört die Bitte. Halbes Happy End? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Fortan ist die Liebe zwischen zwei Menschen eine heikle und unberechenbare Angelegenheit geworden. Und davon berichtete der Abend im Burghof mit Musiken aus dem 16. und 17. Jahrhundert und aus unserer Zeit.

Wie Liebende sich manchmal in ihrer jeweiligen Andersartigkeit begegnen, so begegneten die Briten Tregian, Dowland, Holborne, Hume, Purcell und Blow unseren Zeitgenossen Zagaykevych, Bauckholt, Parra, Lazkano, Mendonza und Widmann. Dieses Aufeinandertreffen wurde zur spannenden "Liebesgeschichte". Einerseits, damals in London, Musik als "aristokratische Unterhaltungskunst" (Silke Leonhard), andererseits die fünf Auftragsarbeiten, sämtlich 2010 komponiert, die das Ensemble Recherche vergab, um sein 25-jähriges Bestehen zu feiern.

Der Kontrast könnte nicht deutlicher sein! Einerseits: die Liebenden als Bühnenfiguren, zum Beispiel als Dido und Aeneis, Venus und Adonis und in der Musik als Spiel, in dem menschliche Leidenschaften hörbar werden. Dowland, dieser "excellent Musitian", und Purcell, aber auch Blow bewiesen, wie einfallsreich sie ihrer Aufgabe nachkamen, und wie schön es heute ist, ihre tönenden Erfindungen vollendet gespielt zu hören, so empfindsam und zugleich virtuos wie vom Freiburger Barockconsort (Konzertmeisterin Petra Müllejans).

Andererseits: die heutige Liebe, die "Blicke der Verliebten" (Zagaykevych), die "Love to Recherche" (Parra), das "Liebeslied für Recherche" (Mendonza), das "Lied ohne Worte" (Lazkano) und das "Liebeslied" (Baucholt, Widmann). So unterschiedlich diese Kompositionen sind, eines verbindet sie: Die Liebe ist kein Bühnenspiel mehr, kein tönender, nicht endender Wonnemond, kein tränenreiches Voneinanderlassen. Vielmehr ein permanentes Mit- und Gegeneinander. Mal in überraschend schönen Dur-Klängen wie in den "Blicke(n) der Verliebten", mal beinahe scherzohaft verspielt mit brutalem Dazwischenfahren lauter Klavierakkorde (Liebeslied, Bauckholt), mal als wildes Getöse bedrohender Klänge und als Streit zwischen Klavier und Percussion, den auch die Bassklarinette nicht schlichten kann (Love to Recherche), mal als tönendes Happy End, als vorläufiger "Friede" (Liebeslied für Recherche). Oder eben als ohrenbetäubender Streit wie in Widmanns "Liebeslied".

In welches tönende Gift die Liebe sich verwandeln kann, das machen seine expressiven Eruptionen hörbar, seine Erregtheit, seine ins Ekstatische gesteigerte alle Grenzen überschreitende Wut, so dass man am Ende nicht weiß, wer von beiden die zehn krachenden Gongschläge macht. Da können Flöte, Oboe und Klarinette über den Tremoli der Streicher noch so um Frieden bitten. Allerdings: Der Schluss mit einem Zischlaut des Gongs lässt ahnen, auch lauter Streit kann leise enden… Vom Ensemble Recherche, wie erwartet, grandios gespielt! Ein wunderbarer Konzertabend.