Vom Radio ins Netz

Klassikwelle statt Kulturradio? Krach beim Hessischen Rundfunk

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Fr, 23. August 2019 um 20:00 Uhr

Computer & Medien

Klassikwelle statt Kulturradio? Die geplante Programmreform beim Hessischen Rundfunk sorgt für eine bundesweite Kontroverse. Wie sieht man das im Südwesten, beim SWR?

Es begann mit einer Ansage. In Sachen "Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos telefonischem Wege" – in der ersten Rundfunksendung in Deutschland am 29. Oktober 1923. Doch der Wortlaut führte auf eine falsche Spur. Nicht nur Musik – Vielfalt war damals das Ziel, ein Mix aus Wort und Musik, Bestimmtes auf bestimmten Sendeplätzen.

Der Rundfunk war nicht nur Spiegel der jeweiligen technischen Standards, sondern auch der gesellschaftlichen Entwicklung. Mit dem nach 1945 erst zögerlich einsetzenden Aufsplitten der Angebote in einzelne Kanäle, trugen die Verantwortlichen den wachsenden partiellen Interessen in der Gesellschaft und den sich herausbildenden "Kulturen" Rechnung.

Tiefgreifende gesellschaftliche Verwerfungen

So gesehen ließen sich die Pläne des Hessischen Rundfunks (hr), seinen Kultursender hr2 vom April 2020 an in eine Klassikwelle umzubauen (wir berichteten) und die Wortbeiträge verstärkt in Online-Angebote umzuschichten, als Transformationsprozess interpretieren, der allein solchen Veränderungen Rechnung trägt. Doch die heftige Kritik daran – etwa in einer Online-Petition mit aktuell über 5500 Unterstützern – macht tiefgreifende gesellschaftliche Verwerfungen evident. Horizontal, und auch vertikal – als Generationenkonflikt.

Was der Hessische Rundfunk konkret umsetzen will, steht noch gar nicht fest. Geplant ist ein Verpflanzen der Wortbeiträge in die Kanäle hr-info, das Internet und die ARD-Audiothek, wie die Deutsche Presse Agentur in dieser Woche berichtet hat. Heftige Kritik dagegen hatte sich gleich nach Bekanntwerden im Juli vor allem über die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) formiert, in der Jochen Hieber der geplanten "strategischen Weichenstellung" des Senders den Weg "in die Sackgasse" prophezeite. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei "nirgendwo sonst derart bei sich selbst...wie in seinen Kulturradios".

Ähnliche Argumente werden unterschiedlich instrumentalisiert

Gerade erst hat die FAZ nachgelegt – mit Stellungnahmen Kulturschaffender. Die fielen klar aus. So attestiert die Autorin Eva Demski dem Vorhaben Verrat an der "Idee, der Existenzgrundlage der öffentlich-rechtlichen Medien". Ihr Kollege Bodo Kirchhoff spricht von der "Torschlusspanik eines Senders, der den Glauben an die intelligenten Hörerinnen und Hörer verloren hat".

Natürlich kann man, wie es der Sender tut, dahinter Tendenz und "Kampagne" vermuten. Auffallend ist gleichwohl, wie ähnliche Argumente unterschiedlich instrumentalisiert werden. hr-Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer verteidigt gegenüber der BZ die Senderposition: "Hier geht es nicht um ein Sparprogramm, sondern darum, mit gleichen Mitteln durch eine Stärkung des digitalen Bereichs mehr Nutzerinnen und Nutzer zu erreichen. Das bedeutet, dass der hr, wenn er etwas Neues macht, etwas Bestehendes nicht mehr genauso weitermachen kann wie bisher."

Geht es den Verantwortlichen um Quote oder Qualität?

Und in der Frankfurter Rundschau (FR) betont er: "Wir wollen die aktuelle Kulturberichterstattung dahin bringen, wo gerade jüngere Menschen diese Berichterstattung erwarten." Also ins Netz. Sommer dreht den Spieß um und unterstellt, dass angesichts der aktuellen Programmstruktur "jüngere Zielgruppen diskriminiert" seien. Gegenüber der BZ führt er aus: "Es geht um ein klarer profiliertes Angebot, das vor allem auch all diejenigen Hörerinnen und Hörer zurückgewinnen soll, die aufgrund der heute geltenden Mischform hr2 den Rücken gekehrt haben. Und das sind gleichermaßen jüngere wie ältere Menschen."

Der sich verändernde Medienkonsum ist Fakt. Der Medienwissenschaftler Golo Föllmer betonte schon vor sechs Jahren im NDR mit Blick auf die jüngere Generation: "Im Radio muss ich eben Möglichkeit haben, meine Meinung zu äußern, die Stimme hörbar machen zu können. Ich muss eine Möglichkeit anbieten, dass sich eine Community als eine Teil-Öffentlichkeit verbindet. Das ist so eine Aufgabe von so einem Medium."

Beim SWR gibt es derzeit keine Pläne in dieser Richtung

Doch was bedeutet das? Wenn ein Wort-Musik-Programm wie hr2, vergleichbar der Welle SWR2, solchen Bedürfnissen nicht Genüge leistet: Sollen fundierte kritische Beiträge künftig durch interaktive Community-Posts ersetzt werden? Oder geht mit "digital first", wie der Frankfurter Literaturwissenschaftler Heinz Drügh in der FAZ polemisierte, nicht einfach "Bedenken second" einher? Klar scheint: eine lineare Klassikwelle hr2 kann weder der bisherigen Hörerschaft – der hr beziffert sie mit rund 100 000 pro Tag – genügen, noch für ein jüngeres Publikum attraktiv sein.

Beim SWR dagegen gibt es derzeit keine Pläne in dieser Richtung. Wolfgang Gushurst, Leiter der Hauptabteilung Kultur/Wissen, spricht gegenüber der BZ sogar von einer "Renaissance des Wortes": Hörspiel, Doku, Reportage und Wissenssendungen, kurzum: längere Formate würden sehr gut angenommen. Gushurst setzt auf die Doppelstrategie: lineares Hören für ein älteres bzw. traditionelleres Radiopublikum – ARD-Audiothek und die SWR2-App für die etwas jüngeren, mobileren Zielgruppen. Einen massiven Rückgang bei ersteren kann er nicht erkennen: "Im linearen Radio bewegen wir uns in einem Korridor, in dem sich mittelfristig für die Kulturprogramme nicht so viel verändert." Stolz ist Gushurst, dass sein Sender mit SWR2 Wissen gleich zwei Mal hintereinander den erfolgreichsten Podcast bei iTunes landete.

Sein Kollege Sommer weist dagegen auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der einzelnen ARD-Anstalten hin. In Hessen sei "die Konkurrenzsituation völlig anders". Das wiederum wirft eine zentrale Frage auf: Geht es den hr-Verantwortlichen um Quote oder Qualität? Wenn Kulturradio auf keiner eigenen Welle stattfindet, wenn es in unterschiedlichste Kanäle "diffundiert", mag sein, dass sich Zaungäste darin verirren. Es wird gleichwohl seines Kerns und seiner Kernhörerschaft beraubt. Der hr macht es sich zu einfach, wenn er nur von den "veränderten Nutzungsgewohnheiten" spricht. Die Konkurrenz vom Deutschlandradio legt seit Jahren in den Reichweiten mächtig zu – auch beim linearen Rundfunk. Dort ist man bisher aber nicht auf die Idee gekommen, die Kölner oder Berliner Programme in reine Klassikwellen zu verwandeln.