Klimaverträglicher Reisen

dpa

Von dpa

Sa, 11. September 2021

Reise

Kann ich mich bei Flügen durch CO2-Kompensation freikaufen? Das sagen Experten.

Das Modell klingt vernünftig: Nach einer Flugreise kompensiert man die Emissionen durch eine Spende an eine Organisation, die Projekte zur CO2-Einsparung unterstützt. So wird die eigene Belastung des Klimas woanders wieder wettgemacht. Aber ist das so einfach?

Oder ist die CO2-Kompensation nur eine Art moderner Ablasshandel, der das eigene schlechte Gewissen beruhigen soll? Antje Monshausen von Tourism Watch bei "Brot für die Welt" stellt klar: "Erst kommt reduzieren, dann kommt kompensieren." Weniger zu fliegen, ist also eindeutig der bessere Schritt. Experten taxieren das jährlich – wenn überhaupt – klimaverträgliche CO2-Reise-Budget auf maximal zwei Tonnen pro Kopf. "Damit komme ich nach New York, aber nicht mehr zurück", sagt Monshausen.

Welche Reise muss wirklich sein?
Für Vielflieger ist die CO2-Kompensation aus Sicht der Expertin durchaus eine Art Ablasshandel. "Damit sollte man nicht legitimieren, einfach weiterzumachen wie bisher. Dieser Eindruck wäre fatal." Anders sehe es aus, wenn der Flug unvermeidbar sei. Doch was ist wirklich unvermeidlich? Das ist Ansichtssache.

Für Monshausen sind Flugreisen vermeidbar, wenn auch ein weniger klimaschädigendes Verkehrsmittel zum Einsatz kommen könnte. Zum Beispiel die Bahn. "Die meisten Städte in Europa sind auf dem Landweg erreichbar", sagt die Expertin. "Das bedeutet aber oft, die Reise anders zu gestalten. Nach Rom kommt man zum Beispiel auch mit dem Nachtzug, aber das lohnt sich nicht für ein Wochenende, sondern eher für mindestens eine Woche. Dann kann man schon den Weg zum Ziel machen und beispielsweise zwei Nächte in München bleiben."

Monshausen sieht darin nicht nur einen Gewinn fürs Klima, sondern auch für die Reisenden selbst: "Wer seltener fliegt und dafür länger bleibt, erlebt oft auch eine qualitativ bessere Reise. Ich kann mich besser auf Land und Leute einstellen, nehme mehr mit."

Viel Greenwashing
Wer dennoch fliegt, der kann dann immerhin den Weg der CO2-Kompensation wählen. Dabei sollte man sich aber über eines bewusst sein: "Wenn ich CO2 für einen Flug kompensiere, mache ich die CO2-Wirkung damit nicht ungeschehen. Ich sorge lediglich mit einer Spende dafür, dass woanders Projekte gefördert werden, die CO2 einsparen", erklärt Monshausen. Und hier gebe es neben seriösen Anbietern wie Atmosfair oder Klima-Kollekte auch viel Greenwashing.

Ein Beispiel: "Angebote, bei denen Bäume gepflanzt werden, sind ungeeignet, um damit Flugreisen zu kompensieren", sagt Monshausen.

Nicht reisen oder kompensieren?
Dietrich Brockhagen ist Geschäftsführer von Atmosfair, einer Klimaschutzorganisation mit dem Schwerpunkt Reise. Über die Webseite können Urlauber eine Kompensation für die Treibhausgase zahlen, die sie bei ihrer Reise verursacht haben. Die Zahlung fließt etwa in die Förderung von Solarenergie durch Photovoltaikanlagen in Dörfern, die gar nicht ans Stromnetz angeschlossen sind.

Das Geld komme an und bewirke messbar eine Minderung der CO2-Emissionen, bekräftigt Brockhagen. "Manche nennen das Ablasshandel, weil sie sich um die Zahlung drücken wollen. Für mich ist die Frage eher: Kaufe ich mich dadurch frei?"

Hier gebe es zwei Optionen, findet Brockhagen: "Entweder Sie bleiben zu Hause, dann gibt es das Problem nicht. Wenn Sie aber geflogen sind, ist die Kompensation der CO2-Emissionen das Beste, was sie fürs Klima tun können." Er bestätigt aber auch, was Antje Monshausen sagt: "Weniger fliegen wäre besser."

Infos zur CO2-Kompensation:
http://www.atmosfair.de klima-kollekte.de